Welche Freiheit? Welche Werte?

Amerikanische Intellektuelle über den "Krieg gegen den Terror" und die Einschränkung der Bürgerrechte von Joerg Lau

Achtundfünfzig amerikanische Gelehrte, darunter so bekannte Namen wie Francis Fukuyama, Samuel Huntington, Amitai Etzioni und Michael Walzer, haben in der vergangenen Woche ein Manifest veröffentlicht, das moralische, politische und rechtstheoretische Gründe für den "Krieg gegen den Terror" zu geben versucht. In den USA hat das umfangreiche Papier trotz der Prominenz seiner Unterzeichner bislang keine kontroverse Debatte ausgelöst. In deutschen Kommentaren hingegen war sofort von Anmaßung und Selbstgerechtigkeit, ja sogar von einer "aufgeklärten Variante des Dschihad" (Peter Schneider im Tagesspiegel) die Rede.

Es wäre in der Tat alarmierend, wenn ein kreuzzüglerischer Aufruf führender Intellektueller in den USA ohne Widerspruch bleiben würde. Lange schon schwelt hierzulande der Verdacht, dass die amerikanische Öffentlichkeit in Zeiten des Krieges kaum mehr Raum für Dissens lässt.

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Wer sich nun allerdings die Mühe macht, den vollen Wortlaut der Erklärung zur Kenntnis zu nehmen, wird sich wundern: "Wir erkennen an, dass unsere Nation sich anderen Gesellschaften gegenüber zuweilen arrogant und ignorant verhalten hat", steht dort gleich im ersten Absatz über "amerikanische Werte" zu lesen. Von "verfehlter und ungerechter Politik" der USA ist des Weiteren die Rede und vom allzu häufigen "Versagen, nach unseren Idealen zu leben". Es wird im Folgenden lang und breit von den "unattraktiven Aspekten unserer Gesellschaft" geredet (Vergötterung des Konsums, Zerfall der Familie, Kulturindustrie), denen es sich "ehrlich zu stellen" gelte. Dann folgt eine flammende Bekräftigung universalistischer Werte und Menschenrechte sowie des Säkularismus, dringende Appelle wider Chauvinismus und Bigotterie in allen Formen und schließlich die eingehende Warnung an die Amerikaner, sich in diesem Kampf nicht als Partei Gottes zu sehen.

Man braucht einigen bösen Willen, um die sorgsam abgewogenen Worte dieses Manifests, das es im Übrigen nicht an kenntnisreichem Respekt für den Islam fehlen lässt, als Kreuzzugspropaganda zu denunzieren. Wenn in dem Text vom "gerechten Krieg" die Rede ist, so ist damit keineswegs die "bequeme und selbstgerechte Formel" gemeint, die Peter Schneider zu erkennen glaubt. Die Unterzeichner des Manifests machen deutlich, dass sie die Lehre vom gerechten Krieg gerade nicht im Sinne irgendeiner "absolutistischen Gewissheit" (Schneider) der eigenen Mission verstehen. Doch nur wer ein Verständnis von einem zu rechtfertigenden Krieg hat, kann auch sagen, was denn keineswegs zu rechtfertigen ist.

Die Autoren des Manifests tun dies in aller Deutlichkeit. Die Lehre vom gerechten Krieg sei kein Freibrief zu allem und jedem, auch nicht bei besten Absichten. Sie beschränke im Gegenteil die Handlungsmöglichkeiten, indem sie moralische Kriterien der Rechtfertigung angibt: Nicht gerecht sei es, bei "geringer Gefahr" einen Krieg zu führen, der durch Verhandlungen hätte vermieden werden können. Und natürlich vertritt, wer aus Vergeltung oder zum Zweck der Abschreckung Zivilisten absichtlich in Mitleidenschaft zieht, keine gerechte Sache. Allerdings, so die Autoren, sei es gerechtfertigt - auch mit Blick auf zu erwartende Opfer - sich "mit angemessener Gewalt" gegen einen Gegner zur Wehr zu setzen, dem es niemals auf Verhandlungen, sondern von Anfang an auf wahllose Zerstörung ankam.

Das Manifest ist ein Versuch zur moralischen Selbstvergewisserung, der in seiner Ernsthaftigkeit und Abgewogenheit Maßstäbe setzt. Die von den Unterzeichnern vorgebrachten Kriterien implizieren selbstverständlich die Möglichkeit scharfer Kritik an den USA, fordern sie sogar heraus. Es ist schwer zu verstehen, wie dieser Text hierzulande so schnell als Dokument intellektueller Eskalation in Verruf kommen konnte. Ein Krieg gegen den Irak ließe sich, nach heutigem Kenntnisstand über die Bedrohungslage, auf Grundlage dieses Aufrufes wohl kaum rechtfertigen.

Warum wird das Manifest in den USA nicht so eifrig debattiert wie bei uns?

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  • Schlagworte Samuel Huntington | USA | Dschihad | Francis Fukuyama | Krieg | Lateinamerika
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