Zürich Er stapft breitbeinig in den Saal wie ein Bauer, er spricht wie ein Bauer, grinst wie ein Bauer, gestikuliert wie ein Bauer. Doch vorläufig spielt noch das Schwyzerörgerli-Trio Bergfreunde. Dann beginnt der Mann in der Stadthalle Sursee im Luzerner Hinterland, wie er immer beginnt: "Liebe Frauen und Männer, die Lage ist ernst." Christoph Blocher war einmal Bauer. Heute ist er der mächtigste Politiker in einem Land, das der Macht misstraut und sie pulverisiert. Er ist Großunternehmer, Inhaber der Ems Chemie und mit einem Vermögen von zwei bis drei Milliarden Franken einer der reichsten Schweizer.

Seit Monaten ist er wieder als Missionar unterwegs. Abend für Abend füllt er zwischen Bodensee und Genfersee die Säle. Seine Botschaft: Die Schweiz darf auf keinen Fall den Vereinten Nationen beitreten. Ginge es nach dem Publikum im Städtchen Sursee, dann wird das auch am kommenden Sonntag nicht geschehen.

Blocher hat seine Zuhörer in der Tasche. Kritische Fragen muss er nicht gewärtigen. Dafür heimst er einen Lacher nach dem anderen ein, erntet donnernden Szenenapplaus. "Recht hat er", meint einer im karierten Hemd. "Was sollen wir in New York als kleines Land schon bewegen?", fragt eine Frau im Tailleur. Wie schwärmte Christoph Blocher neulich auf der Terrasse seiner Villa hoch über dem Zürichsee, als er mit weiter Geste auf die wohlhabenden Dörfer, den blitzblauen See und die weißen Gipfel dahinter deutete: "Kann es irgendwo schöner und besser sein?" Ein Ja als Antwort ist nicht vorgesehen.

Genf, Internationales Kongresszentrum: Wieder wirbt Blocher für ein UN-Nein, doch dieser Saal ist ihm weniger gewogen. "In meiner Jugend weilte ich für einen Sprachaufenthalt in der Westschweiz. Danach fragte mich mein Vater, ob ich nun gut Französisch spreche. Ich antwortete, dass mich die Schweine und die Pferde bestens verstanden haben." Die Anekdote kommt an, seine Argumente weniger. Die Neutralität wird hier infrage gestellt die 70 Millionen, die ein Beitritt zusätzlich kostet, scheinen verkraftbar der Preis des Alleingangs gilt als hoch. "Ganz schön mutig, dass er überhaupt hier auftritt", sagt eine Studentin, "aber seine Anti-UN-Haltung ist Quatsch."

Doch auch in der französischsprachigen Schweiz legt Blochers Partei, die nationalkonservative SV, zu. Landesweit ist sie die Nummer eins, Tendenz weiter steigend.

Die UN-Abstimmung ist keine besonders wichtige. Nüchtern betrachtet, wird sie das Leben der Schweizer nicht verändern. Doch nüchterne Betrachtung ist nicht gefragt. Das Thema erregt die Gemüter, es brodelt an den Stammtischen. Denn es geht ums Ganze. Immerhin darum, ob die Schweiz nach Jahrzehnten der Igelstellung, nach drei Generationen gelebtem, gehegtem und mystifiziertem Sonderfall ein normales Land wird, eines von 190 UN-Mitgliedern. Ob sie sich zurückbesinnt auf ihre einstige weltläufige Tradition, als sie sich 1848 eine der liberalsten Verfassungen der Welt verpasste, als später Lenin, Herzl und viele anderswo Verfemte willkommen waren.

Ein Land wie ein Drittklasswagen Regierung, Parlament, Wirtschaftsspitzen, Zeitungen, Intellektuelle - alle sind heute für den UN-Beitritt. Doch das Rennen ist nicht gelaufen. Zumal eine Mehrheit der Stimmbürger (das "Volksmehr") nicht genügt, es muss auch die Mehrheit der Kantone (das "Ständemehr") dafür sein. Letzteres ist laut Umfragen ungewiss. Denn die kleinen, ländlichen Kantone der Inner- und Ostschweiz neigen zum Nein. Beim "Ständemehr" wiegt die Stimme eines einzigen Appenzell-Innerrhoders so viel wie die von 42 Zürchern.