Es gibt Abende, an denen huscht Maurizio Pollini so eilig und inoffiziell an den Flügel, als sei er nur der Klavierstimmer, der noch schnell sein Werkzeug wegräumen will, bevor das Konzert beginnt. Hastig setzt er sich und beginnt - wenn er nun schon mal da ist - sofort zu spielen. Eine Auftrittsgeste aus dem Standardrepertoire des professionellen Understatements. Dass die Anwesenheit des Interpreten hier gar nichts Entscheidendes zur Sache beitragen könne, scheint die Geste sagen zu wollen, dass man von Pollini, dem unumschränkten Großmeister des Klaviers, in den nächsten zweieinhalb Stunden am besten einfach absehe.

Bei manchen Musikern sind solche Auftritte sofort als sublime Variante der Selbsterhöhung durchschaubar, als Eitelkeit in Form der Bescheidenheitsallüre, aber nicht so bei Pollini. Bei ihm kann man es sich sehr gut vorstellen, dass er am liebsten die Finger von seinem Instrument lassen würde, um die Musik gemeinsam mit dem Publikum nur zu denken (und zu empfinden) - als hoch konzentrierte Übung des Geistes, bei der man besser nicht abgelenkt wird vom Anblick virtuos über die Tasten gleitender Hände.

Sogar noch wenn Pollini als Zugabe die berühmte Revolutionsetüde von Chopin mit ihren rasenden Sechzehntelkaskaden in gewohnter Brillanz herunterrauscht, scheint der aufrührerische Ton nicht den stürmischen Fingern zu entspringen, sondern dem Kopf eines streng und jederzeit kontrolliert gestaltenden Interpreten.

Das ist Pollinis Projekt: Musik möglichst klar zu denken in all ihren werkimmanenten strukturellen, harmonischen und formalen Zusammenhängen. Aber auch darüber hinaus in stückübergreifenden Kontexten, wie er es als Konzertdramaturg seiner Progetto-Pollini-Veranstaltungen bei den Salzburger Festspielen getan hat, wo er, ganz losgelöst von seinem Pianistendasein, stilistische Querverbindungen zwischen Gesualdo und Luigi Nono offen gelegt und kühne Bögen von Franz Schubert zu Pierre Boulez geschlagen hat. Weit greift sein intellektuelles wie emotionales Verstehen von Musik aus.

Und das Chopin-Programm, das er auf seiner aktuellen Konzerttournee in Hamburg gegeben hat, offenbart die für Pollini typische Temperatur: Während andere Chopin gerne im wohlig überheizten Salonklima ansiedeln, sind bei ihm gleichsam alle Fenster gekippt - Frischluft gegen jede Form von Gefühlsduselei. Klar gefasst sind seine Phrasierungskonturen. Ernst und konzentriert durchmisst Pollini den im Zentrum des Abends stehenden Zyklus der Préludes op. 28 als eine suggestive Großform, die voll ist von eigenwilligen Ausdrucksverrückungen und Stimmungsabbrüchen. Geheimnisvolle Seelenäußerungen, mit vollendeter Geschmackssicherheit bis in die feinsten Verästelungen nachempfunden. Und doch weht einen dieser Klavierabend in manchen Passagen einen Hauch zu kühl an. Bei aller Hingabe, bei aller emotionalen Verbindlichkeit - ein Rest von Unnahbarkeit bleibt. Bei Pollini muss man damit immer rechnen.

Hält sein Klassizismus den Hörer im Konzertsaal mitunter auf Distanz, so erweist er sich in CD-Veröffentlichungen oft als Qualität - viele Pollini-Aufnahmen haben Referenzcharakter von seinen frühen Chopin-Platten über Schumann, Schubert, Beethoven bis hin zu den Komponisten der Moderne.

Atemberaubend sind seine Einspielungen von Schönbergs op. 11, Anton Weberns Variationen op. 27 oder der zweiten Boulez-Sonate. Zum 60. Geburtstag, den der Pianist vor vier Wochen feierte, hat die Deutsche Grammophon deshalb eine Maurizio-Pollini-Edition (13 CDs, DG 471 351 bis 471 363) mit den diskografischen Highlights herausgebracht. Ein Art Survival-Pack für die hohe Klavierkunst.