Viel Zeit für Debatten blieb nicht, als der Bundeskanzler vergangenen Freitag Florian Gerster den Chefposten bei der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit anbot. "Hier, schau dir das mal schnell an", sagte Gerhard Schröder und drückte Gerster das siebenseitige Papier zur Zukunft der Arbeitsvermittlung in die Hand, das er noch am selben Vormittag mit Sozialminister Walter Riester der Öffentlichkeit vorstellen wollte.

Gerster, zurzeit noch SPD-Arbeitsminister in Rheinland-Pfalz, kam erst abends auf dem Heimweg zur gründlichen Lektüre. Vorher hatte er selbst noch einiges zu klären. Er werde für seine Reformen weder zusätzliche Stellen noch zusätzliches Geld benötigen, sondern von beidem eher weniger als bisher, kündigte er an. Dagegen hatte der Kanzler nichts einzuwenden. Dann legte Gerster nach: Er sei ja eigentlich kein Verwaltungsmann, sondern Politiker und wolle das auch bleiben - also in der Arbeitsmarktpolitik mitreden und mitgestalten. Das sei doch selbstverständlich, fand Schröder.

Ein großes Wort. Schließlich hätten sich noch vor einigen Jahren viele SPD-Sozialpolitiker bekreuzigt bei der Aussicht, dass ausgerechnet Florian Gerster an eine der Schaltstellen des Sozialstaats rücken würde. Kaum ein Sozialdemokrat hat sich so oft durch Kürzungsvorschläge für den Sozialbereich den Groll von Parteifreunden zugezogen wie er. Egal ob gerade die Rentenversicherung reformiert wird, das Gesundheitssystem oder der Arbeitsmarkt - Gerster mischt sich ein, in Kommissionen, Podiumsdebatten, Interviews, und meistens redet er dabei vom Sparen. Außerdem schreibt er gern Thesenpapiere und Bücher.

Im Prinzip setzt Gerster auf die Methode Schröder: Er profiliert sich über die Medien und im Zweifel eher gegen die Partei als in der Partei. So einer muss aushalten können, dass er weniger geliebt als respektiert wird. Stets hat Gerster eher die Köpfe angesprochen als die Herzen, wozu auch seine höflich-distanzierte Art beiträgt. Bei wenigen Sozialdemokraten wirkt das obligatorische Genossen-Du so befremdlich wie bei ihm. Auf Landesebene schlägt sich all das regelmäßig in Wahlergebnissen nieder, die er selbst "solide" nennt. Auf dem Landesparteitag Anfang des Jahres erhielt Gerster weniger als 70 Prozent der Stimmen bei der Wahl der Vorsitzenden.

Kompetenz, Durchsetzungsfähigkeit und persönliche Integrität sprechen ihm auch die Parteilinken nicht ab. Wer oft mit Gerster spricht, spürt auch, dass ihm die Sorge um das Wohl der kleinen Leute, die Suche nach einem möglichst gerechten sozialen Ausgleich ein echtes Anliegen ist. Deshalb trat er 1966 als 17-Jähriger in die SPD ein - anders als sein Vater, ein Arzt, der FDP-Mitglied war

anders als seine Schwester, die heute-Moderatorin Petra Gerster, die früh Sympathien für die Grünen entwickelte. In manchen ökonomischen Fragen ist er sich sogar mit den Linken in der SPD durchaus einig - so plädiert er entschieden für eine höhere Erbschaftssteuer und höhere Abgaben auf Immobilienvermögen.

Bei etlichen Sozialdebatten hat Gerster auf mittlere Sicht Recht behalten, oft war er der Mehrheit seiner Partei einfach ein paar Jahre voraus. Zum Beispiel plädierte er schon für eine Begrenzung des Rentenanstiegs und einen demografischen Faktor in der Rentenformel, als der damalige SPD-Chef Oskar Lafontaine dieses Vorhaben noch in jeder Rede attackierte. Gut zwei Jahre später legte Riester einen Gesetzentwurf vor, der sogar noch weiter ging.