Da rätselt die Welt, wo Osama bin Laden sei - und ausgerechnet die Russen wissen es. Im Pankisi-Tal in Georgien verstecke er sich, meinte unlängst Außenminister Igor Iwanow. Hundertprozentig sicher war er sich zwar nicht.

Aber: "Wer kann schon behaupten, dass er nicht dort ist?"

Derlei kriminalistische Nonchalance erzürnte den georgischen Präsidenten.

Überraschend kündigte Eduard Schewardnadse an, das Pankisi-Tal in der Gegend des Dorfes Achmeta sofort durchkämmen zu lassen. "Iwanows Mutter kommt aus Achmeta. Ihr Haus ist immer noch dort. Vielleicht versteckt sich bin Laden darin? Wir werden das prüfen."

Warum so freundlich? Weil die Sache so ernst ist. Im abgelegenen Pankisi-Tal verwirren sich kaukasische Zänkereien mit dem Krieg der Amerikaner gegen Terroristen. Hier haben sich Tausende tschetschenischer Flüchtlinge vor russischen Bomben und Säuberungen in Sicherheit gebracht. Russische Politiker werfen Georgien vor, dort blieben auch Freischärler und Terroristen unbehelligt. In der Tat kann von einer Kontrolle der georgischen Behörden nicht die Rede sein. Am 17. Februar wurden vier Polizisten entführt, als sie einen Drogenhändler hochnehmen wollten.

Die Russen bieten sich schon lange an, den Dealern samt allen tschetschenischen Kämpfern das Handwerk zu legen - und damit faktisch auch gleich Georgien unter Kuratel zu stellen. Sie fühlten sich bestärkt, als der amerikanische Geschäftsträger in Tbilissi vorige Woche sagte, afghanische Freischärler hätten Unterschlupf im Pankisi-Tal gefunden. Schewardnadse trat darauf die Flucht nach vorn an: Er lud die Amerikaner ein, gemeinsam mit den Georgiern auf Schurkenjagd zu gehen. Ein Albtraum für die Russen: U.S.-Rangers in ihrem Hinterhof und womöglich noch im Haus von Iwanows Mutter? So hatte sich Moskau den gemeinsamen Feldzug gegen Al-Qaida nicht vorgestellt.

Für Misstöne im Antiterrorkrieg ist also gesorgt: Washington hat bereits eine fact finding mission nach Georgien in Marsch gesetzt. Im Verteidigungsministerium von Tbilissi wollen die Amerikaner eine Antiterroreinheit aufbauen. Bin Laden dürfte, wenn er je dort gewesen ist, längst das Weite gesucht haben.