Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. Tony Blair und Gerhard Schröder wünschen sich den Europäischen Rat der Chefs, der zugleich transparenter und effizienter wird. Doch warum fällt diese willkommene Erneuerung den beiden erst jetzt ein? Was sie wollen, hätten sie längst gekonnt. Umgekehrt wird also ein Argument daraus: Weil der Rat zum exklusiven Konklave verkommen ist - unter den Händen selbstverliebter Chefs, die sich nicht reinreden lassen -, bedarf er dringend der demokratischen Kur.

Und beileibe nicht nur der Ministerrat. Die beiden Schelme rücken mit ihrer famosen Idee in dieser Woche heraus, da der Verfassungskonvent in Brüssel sich ans Werk macht. Geschaffen haben dieses Gremium mit demnächst 105 Politikern aus 28 Nationen just die Blairs und Schröders, als sie in Nizza nicht mehr herausfanden aus ihrem selbst gezimmerten Labyrinth der Institutionen und Verträge. Der Konvent soll schaffen, was der Rat nicht mehr vermag: das Europa von morgen. Mit politischen Instanzen, die alle Ansprüche einer Demokratie erfüllen, also Legitimität und Effizienz sichern. Dem Nationalstaat schwinden die Kräfte

nicht erst seit dem 11. September staksen die Herren aus London, Paris oder Berlin ungelenk über die Weltbühne. Doch Europa wächst nicht von selbst zu, was seine Nationen einbüßen.

Wer auf Abhilfe sinnt, muss hoch hinaus. Nur eine Versammlung der Freidenker wird den Weg zum Erfolg finden, und ihr Präsident Valéry Giscard d'Estaing muss sie dabei ermutigen. Konvent meint das Gegenteil von Konvention, um Tabus darf sich da keiner scheren: Also her mit den gefürchteten K-, V- oder F-Wörtern. K wie Konstitution oder V wie Verfassung, warum nicht? Selbst Briten zucken davor nicht mehr zurück. F wie Föderalismus, nur keine Angst, denn wer auslotet, was künftig Sache der Union sein und was Vorrecht ihrer Mitglieder bleiben soll, der bewegt sich zwangsläufig auf föderalem Grund.

Vereinigte Staaten von Europa? Schon wieder wehren alle ab. Dabei geht es einzig um eine postnationale Machtverteilung zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. Wo "Ich" war, soll "Wir" werden.

Wer also dem Konvent allen Erfolg wünscht, der will die "Vereinigten Staaten" mit einer Verfassung, kurz und klar, damit im Bermuda-Dreieck von Rat, Kommission, Parlament nicht noch mehr Vertrauen verschwindet. Der will ein Europa mit föderaler Struktur, und kein Modell kann dafür Pate stehen, nicht das amerikanische und nicht das deutsche. Da muss sich die Fantasie der Konventler schon ihre eigene Bahn brechen.

All das bedeutet auch: Mut zur europäischen Öffentlichkeit. Also eine gemeinsame Sprache. Längst gibt es sie: Auf Englisch tagen etwa Kommission oder Europäische Zentralbank. Zugegeben, auch die erweiterte Union braucht viele Amtssprachen, aus Respekt vor ihren Bürgern. Doch fürs Gemeinsame drängt sich Englisch als Arbeitssprache längst auf, aus reiner Effizienz. Ein erweitertes Brüssel darf kein Babylon sein.