In Europa, wo Politik und Öffentlichkeit das Verhalten der Vereinigten Staaten seit dem Beginn des Feldzuges in Afghanistan kritisch debattieren, mag das alles nicht bemerkenswert erscheinen. In Amerika hingegen hat das Manifest zwar nicht viel Aufmerksamkeit erregt, aber sein gemäßigter Tonfall macht es trotzdem zu einem Ereignis. Die Unterzeichner stehen in der Tradition einer Minderheit in der politischen Kultur des Landes, die sich der Gefahren großer Macht und politischer Anmaßung bewusst ist.

Die Mehrheit der Amerikaner dagegen ist von der Unschuld ihrer Nation überzeugt. Die Vereinigten Staaten seien auf Anstand gegründet und, so glauben sie, deshalb ganz unfähig, Schaden anzurichten, solange das Land nur seinen inneren Instinkten gehorche. Diese Idee stammt aus der Vorstellungswelt der englischen Siedler im 17. Jahrhundert, die ihre Kolonien in einem besonderen Bund mit Gott wähnten. Der Gedanke hat seit der Eroberung Nordamerikas fast jede Generation der amerikanischen Politik geprägt. Einen weiteren Impuls gab im 19. Jahrhundert der romantische Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, der seine Mitbürger beschwor, ganz auf die eigene Kraft zu vertrauen. "Trust thyself", lautete Emersons Motto, und die Amerikaner folgten ihm nur zu gern. Eine ähnliche Gefühlslage erzeugt die Überlieferung des amerikanischen Protestantismus. Nach dessen Lehre findet der Gläubige die göttliche Führung in seinem eigenen Herzens. Übertragen in die Sphäre der Politik führen diese Traditionen vor allem zu Misstrauen und Verdacht: Unser Feinde sind böse! Zweifel sind unpatriotisch! Zögerlichkeit ist unmännlich, und Unentschlossenheit ist ein Zeichen von Schwäche!

Dagegen hält die skeptische Minderheit übergroßes Selbstbewusstsein für gefährlich. "Jener Geist ist der Geist der Freiheit, der sich seiner Sache nicht zu sicher ist", schrieb der berühmte Rechtsgelehrte Learned Hand. Es war das große Glück Amerikas, dass sich seine politischen Führer in den entscheidenden Stunden seiner Geschichte von diesem Geist leiten ließen. Die Väter der amerikanischen Verfassung erkannten, dass vom Eiferertum in die Tyrannei ein direkter Weg führt. Sie waren sicher, dass Fanatismus, Verblendung und Gier in der Politik nahe beieinander liegen. Deshalb entwickelten sie ausgefeilte Mechanismen, die dem Volkswillen Zügel anlegen sollten. Weil man der menschlichen Natur nicht vertrauen könnte, sollten gute Gesetze dafür sorgen, dass sich die Menschen in einer komplexen Gesellschaft vertrauensvoll begegnen können. Präsident Abraham Lincoln, einer der größten geistigen Erben der Verfassungsväter, lebte in einer düsteren, melancholischen Welt: Ihn quälte die furchtbare Geschichte der Sklaverei in Amerika, er litt an der bösen Ironie eines Bürgerkrieges, in dem sich beide Seiten auf Gottes Beistand beriefen. Gegen Ende seines Lebens kam Lincoln zu der Einsicht, dass die Berufung auf Gottes Hilfe im Krieg jeden Führer zu einer lächerlichen, ja sündigen Figur mache. Demut und die Bereitschaft zur Verständigung seien notwendige Ergänzungen zu moralischer Gewissheit.

Anders als Abraham Lincoln verkörpert George W. Bush die Mehrheitstradition des amerikanischen Optimismus. Bei der Wahl im November 2000 entschieden sich die Amerikaner zwischen einem geschwätzigen, vielseitig interessierten Grübler und einem unbedarften, intellektuell rundum desinteressierten Kandidaten, der Anstand und gesunden Menschenverstand in Aussicht stellte - gute moralische Instinkte und eine sichere Hand, um diese ins Werk zu setzen.

Unterschwellig lautete Bushs Botschaft, dass es auf Staat und Regierung nicht ankomme. Wichtig sei nur, dass keine Bande cleverer Gauner an der Spitze stehe, sondern - wie Bush gern sagt - ein "guter Mann". Bush steht für die Tradition des guten Herzens in der amerikanischen Politik. Die Entscheidungen seiner Regierung unterliegen zwei Grundmotiven: Gute Absichten schützen vor Machtmissbrauch, und die Orientierungspunkte "gut" und "böse" genügen zur Bestimmung des richtigen politischen Kurses.

Die amerikanische Sicherheitspolitik seit dem 11. September gründet auf der Prämisse, dass eine Regierung guter Männer keiner rechtsstaatlichen Schranken bedarf, sondern allein dem Gewissen verpflichtet sei. Die neuen Kompetenzen der Regierung zur Überwachung von Telefongesprächen und der Kommunikation per Internet schwächen die Schutzrechte der Amerikaner gegen staatliche Ausleuchtung unter dem Verdacht der Subversion. Diese Schutzrechte wurden bislang von Bundesrichtern bewacht, die alle Maßnahmen der Strafverfolgungsbehörden genehmigen mussten. Jetzt werden die neuen Überwachungskompetenzen der Kontrolle entzogen. Wo immer Verfolgungsbehörden in Zukunft irgendeinen Zusammenhang mit dem Terrorismus herstellen können, dürfen sie sich darauf berufen, ihre Tätigkeit sei "auslandsgeheimdienstlich" - und damit der richterlichen Aufsicht entzogen. Solche Befugnisse mögen in den Händen von Engeln nützlich sein - in dieser Welt jedoch werden sie fast unweigerlich zu grundlosen Schikanen führen.

Bekanntlich hat die Regierung Bush auch angekündigt, sie werde für Nichtamerikaner, die noch so entfernt in Verbindung zum Terrorismus stehen, Militärtribunale einrichten. Dass dieser dramatischen Fehlentscheidung ehrenwerte Motive zugrunde liegen, macht sie nicht besser. Diese Tribunale sind eine Karikatur: Es gibt kein Recht auf die freie Wahl eines Verteidigers und kein Recht auf Berufung vor einem ordentlichen Gericht. Die Tribunale können nach Ermessen des Präsidenten auf absolute Geheimhaltung verpflichtet werden. Das Vorhaben hat Kritik in allen politischen Lagern ausgelöst, könnte aber für einige der Gefangenen von Guantánamo Bay noch einmal aufgelegt werden.