In der Idee der Tribunale drückt sich eine beunruhigende Tendenz der Regierung Bush aus: Sie hegt Argwohn gegenüber den Gerichten, vertraut lieber dem Militär und strebt nach größtmöglicher Ermessensfreiheit. Die zentrale Schranke gegen den Missbrauch der Tribunale besteht in der Zusicherung des Präsidenten, sie nicht zu missbrauchen. Das mag man Bush auch abnehmen - die Herrschaft des Rechts ist damit jedoch außer Kraft gesetzt. Gewiss gibt es in einer Administration von vielen tausend Mitarbeitern auch andere Auffassungen. Dennoch äußert sich in dieser Haltung eine spezifisch amerikanische Neigung, den rechtsförmigen Schutz der Freiheit preiszugeben.

Der politischen Mehrheitskultur des reinen Herzens erscheint das hinnehmbar - die gute Absicht sei ja nicht zu bestreiten. Doch genau diese Gutgläubigkeit öffnet illiberalen Tendenzen Tür und Tor.

Es wäre freilich falsch, deshalb schon die Herankunft eines Polizeistaats an die Wand zu malen. Die Sehnsucht nach Privatheit und das Misstrauen gegenüber dem Staat sind ebenso tief in der politischen Kultur Amerikas verwurzelt wie die Abneigung gegen Dissidenten und die Verehrung der Macht. Es scheint nicht zu vermeiden zu sein, dass in Zeiten der Krise weniger liberale Impulse die Oberhand gewinnen. Die historische Erfahrung lässt hoffen (wenn auch nicht mit Sicherheit voraussagen), dass sich das Gleichgewicht wieder einpendeln wird.

Auf der internationalen Ebene hat die Tradition des reinen Herzens zwei Konsequenzen. Zum einen verstärkt sie Amerikas Misstrauen gegen das Völkerrecht und seine Institutionen. Zum anderen hat die Gut-und-Böse-Rhetorik der Regierung Bush der Vorstellung Auftrieb gegeben, Gott stehe auf der Seite der Amerikaner und heiße alles gut, was sie tun.

Im unwürdigen Gezerre um die Anwendung der Genfer Konvention auf die Gefangenen von Guantánamo Bay äußert sich ein grundsätzlicher Unwille der Vereinigten Staaten, ihre Handlungen den zwischen Völkern geltenden Maßstäben zu unterwerfen. Der amerikanische Umgang mit dem Völkerrecht war im Afghanistan-Feldzug hochfahrend und abschätzig. Das lag ganz auf der Linie der letzten Jahre. Hätten die USA die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs unterstützt, brauchten sie heute keine geheimen Militärtribunale. Und wären die USA nicht aus dem Abkommen von Kyoto ausgestiegen, würden ihre europäischen Partner heute womöglich eher auf die Redlichkeit Amerikas bei der Vorbereitung des nächsten Schlages gegen den Terrorismus vertrauen.

Stattdessen hat die Welt den Eindruck, dass die amerikanische Regierung sich auf internationale Standards beruft, wo es ihr passt, und sie ignoriert, wo immer sie ihre Handlungsfreiheit einschränken. Das ist das Gebaren eines mittelalterlichen Souveräns, der sich von unbequemen Gesetzen ausgenommen sah. Nicht zuletzt aus dem Widerstand gegen diese Art von Macht wurde die moderne liberale Politik geboren. Der Geist der Freiheit ist sich seiner selbst nicht sicher - deshalb unterwirft auch er sich den Gesetzen, die Freiheit bewahren sollen. Die Amerikaner sind ein freies und freiheitsliebendes Volk, aber sie zweifeln zu selten daran, im Recht zu sein.

Genau darin liegt paradoxerweise die Bedrohung ihrer Freiheit.