Einen Teil ihrer Helden hat Birgit Sattler ins Tiefkühlfach gesteckt. 35 Kilogramm Eis hatte sie im Gepäck, als sie Anfang Februar aus der Antarktis nach Innsbruck zurückkam. In den gekühlten Klumpen warten die Protagonisten ihres Forscherinnenlebens auf Wärme - schon seit vielen hunderttausend Jahren. Doch nun geht der Kälteschlaf zu Ende: In diesen Tagen beginnt die Mikrobiologin, die Bohrkerne von der Polkappe aufzutauen und darin nach Leben zu suchen.

Seit Jahren spürt die 32-jährige Tirolerin den Extremisten im Tierreich nach.

Sattlers Jagdrevier sind die kalten Orte der Erde: Schneedecken, gefrorene Bergseen, Wolken. Auch in den Bohrkernen aus dem Eisschild des Südpols sucht sie nach Leben: Dort hausen winzige Bakterien, Pseudomonaden und viele andere, die die Kältestarre im ewigen Eis überdauern. Den ersten Teil ihres Einzellerlebens haben sie noch zu einer Zeit verbracht, als in wärmeren Gefilden Homo erectus durch die Prärie stampfte. Als mit sinkenden Temperaturen das Wasser um sie herum erstarrte, fuhren die Keime ihren Stoffwechsel auf null herunter. Tot aber sind sie nicht. Ihr Leben ist bloß auf Standby.

Die anderen Helden von Birgit Sattler füllen ein Bücherregal zu Hause: Robert Falcon Scott, Roald Amundsen, Sir Ernest Shackleton. Die Kältebiologin hat es sich in ihrer Wohnung mit Heldenromantik gemütlich gemacht: Über 50 Bücher handeln vom Überlebenskampf der großen Abenteurer im ewigen Eis. "Shackleton war der Größte", sagt Sattler. Ihre Verehrung gilt dem Briten, der zwar sein Ziel, die erstmalige Durchquerung der Antarktis, verfehlte, aber nach anderthalb Jahren und höllischen Strapazen seine ganze Crew lebend zurückbrachte.

Zur Feier ihrer eigenen Rückkehr offeriert die Mikrobiologin dem Besucher einen Whisky on the Rocks. Sie greift ins Kühlfach und holt einen antarktischen Bohrkern hervor. Sie legt das betonharte Stück auf die Ablage und drischt mit einem schweren Küchenbrett auf den Klumpen Eis. Bevor wir trinken, halten wir das Glas neben das Ohr und lauschen. Den Eiswürfeln entfährt ein leises Knistern - the sound of the past. Eine halbe Million Jahre hatte das Wasser tiefgekühlt in der Gegend von Pecora (85 Grad S, 68 Grad W) gelegen und geschwiegen. Nun bringt es der Schnaps zum Sprechen. Es hat viel zu erzählen.

Erwachen aus dem kalten Schlaf

Drei Wochen war Birgit Sattler in der Antarktis unterwegs, auf einer Expedition, die in Zusammenarbeit mit der Nasa nach Meteoriten suchte. 33 außerirdische Steinklumpen sammelte die Crew im Schnee. Die Nasa hofft, darunter ein marsianisches Exemplar auszumachen, um auf ihrer Suche nach Leben im All endlich erfolgreich zu sein. Außerdem sammelte das Team Pinguinfäkalien, nahm Boden- und Eisproben. Das Ziel: kälteresistenten Stämmen auf die Spur zu kommen, extremophilen Mikroorganismen, die minus 50 Grad aushalten. Während die Meteoritenbeute in den USA untersucht wird, knöpft sich Birgit Sattler am Institut für Zoologie und Limnologie der Universität Innsbruck die Bohrkerne vor und hofft, auf bislang unbekannte Keime zu stoßen.