Wer heute eine Universitätsbuchhandlung betritt, der erlebt sein blaues Wunder. Wo früher soziologische Studien stapelweise über die Natur der Gesellschaft Auskunft gaben, lagern die neuesten Erkenntnisse aus den "Lebenswissenschaften", Studien aus Biologie und Neuro-Science, Evolutionspsychologie und Molekulargenetik. Ihre Themen kreisen um Geist und Körper, Materie und Wissen, und nicht wenige schicken sich an, den "alten" Humanwissenschaften das Monopol auf Sinnfragen und Weltbilder streitig zu machen.

In der Bugwelle der "Lebenswissenschaften" schwimmt wiederum eine riesige Armada aus populärwissenschaftlichen Ratgebern und Daseinsbegleitern. Sie behandeln die Old Science, vor allem die Sozialforschung, als schrottreifes Auslaufmodell, das ins Museum gehört, besser heute als morgen. Aus Sicht der Life-Science ist nämlich nicht unsere Gesellschaft, sondern die Biologie die wahre Schicksalsmacht. "Egoistische Gene" (Richard Dawkins) sind es, die unsere Wege leiten und lenken. Sie sind die eigentlichen Herrscher unserer Kultur, in der das Leben in genetisch bedingten Sequenzen verläuft: als Abfolge von Hirnzuständen, biochemischen Zustandswechseln und erotischen Appetenzen. Menschen sehen sich mit den "Augen der Gene", und ihr freier Wille, darin sind sich die Hirnforscher ohnehin einig, ist ein Gaukelspiel, mit der die wohlmeinende Natur das Menschenwesen über seine faktische Unfreiheit tröstet.

Der Königsweg zur Wahrheit Aber es ist nicht nur der Buchmarkt, auf dem die "Lebenswissenschaften" ihre Triumphe feiern. Die Bildungsministerien entziehen den Sozial- und Geisteswissenschaften finanzielle Mittel und verlagern sie auf das Feld der "Lebenswissenschaften", vor allem auf das der Genforschung (vgl. Otfried Höffes Klage in der FAZ vom 7. 11. 01). In biopolitischer Selbstanpassung hat die Bildungs- und Forschungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) die "Lebenswissenschaften" auf ihre Fahnen geschrieben. Auch sie liebt die vitalistische Aura und das leuchtende Ungefähr einer Formel, in der die Lebensphilosophie des 19. Jahrhunderts nachhallt, das Lob des Dynamischen gegen das Statische, vielleicht sogar der Abgesang auf eine erstarrte, von moralischen Skrupeln gelähmte Gesellschaft.

Gerade dieser metaphysische Mehrwert macht die "Lebens"-Metapher so anziehend, und das um so mehr, je stärker die Strahlkraft sozialwissenschaftlicher Theoriesterne verblasst. Denn während diese "nur" das Soziale ausleuchten, haben die Lebenswissenschaften scheinbar das "Leben" selbst zum Thema, das Große und das Ganze, das Wesen hinter den Erscheinungen, kurz: den Urgrund, der alles schon trägt, die Technik und die Kultur und natürlich die Lebenswissenschaft selbst. Grau ist dagegen alle Theorie. Selbst Philosophen, die sich auf ihre Distinktion etwas zugute halten, springen noch schnell auf den Zug der Lebenswissenschaften auf. Die "Dynamik" des "Lebens", liest man in einem druckfrischen Lobgesang auf die Gentechnik, bestimme die Bewegung der Politik der "Puls des Lebens" gebe den Takt vor, der in den sittlichen Normen der Gesellschaft, in Recht und Moral, zum Ausdruck komme.

Als heimliches Oberhaupt der neuen Lebenswissenschaft gilt vielen der große Ameisenforscher und unerschrockene Ökologe Edward O. Wilson. Schon lange träumt er von der "Einheit des Wissens", vom großen Dach der Lebenswissenschaften, unter dem die Ergebnisse der Einzelforschungen, selbst die der Soziologie, versammelt und in eine übergreifende, evolutionstheoretische Perspektive gerückt werden. Endlich soll die uralte Trennlinie zwischen Natur- und Humanwissenschaften fallen, wobei Wilson keinen Zweifel daran lässt, dass die "harten" Naturwissenschaften im Konzert die erste Geige spielen. Sie sind die Sieger im darwinistischen Wettlauf der Theorien, weil sie objektiv kausales Wissen erzeugen, mit dem sich alle menschlichen Verhaltensweisen, sogar Recht und Moral erklären lassen. Unter Wilsons Sonne gibt es nichts, was nicht in die Allzuständigkeit der Lebenswissenschaften fiele. Sie weisen den Königsweg zur Wahrheit, und während Humanwissenschaftler redselig am Sinn des Lebens verzweifeln, warten die Lebenswissenschaften schon an der Kreuzung, wo sich das Dasein des Einzelnen mit dem "Leben" der Evolution sinnvoll verschränkt.

Wilson glaubt allen Ernstes, eine einheitliche Lebenswissenschaft könne die Zivilisation wieder auf biologische, evolutionär "richtige" Grundlagen stellen und das menschliche Mängelwesen vor den Anfechtungen der Freiheit, vor seinen emanzipatorischen Verirrungen schützen. In diesem konservativen Wunschtraum ist die Kultur nicht das Medium einer prinzipiell offenen Weltdeutung, mittels deren die Menschen sich im Licht reflexionsfähiger Normen immerhin darüber verständigen könnten, was sie tun und was sie lassen.

Das alles nicht. Wilson versteht Kultur vielmehr als Medium der Anpassung - als symbolische Krücke auf dem dornigen Weg in die instinktanaloge Selbststabilisierung der menschlichen Gesellschaft. Kultur übernimmt Aufgaben, die früher der genetische Informationsspeicher erfüllt hat, und alles zusammen folgt dem natürlichen Muster von Mutation und Auslese.