Die Welt der wahren Lebenselixiere schwindet, das heißt die Welt, in der sie hergestellt, vertrieben und zu unserem Trost erworben werden konnten. Wo, zum Beispiel, sind die Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung geblieben? Was ist aus Caron geworden, dem Rasierwasser, das Proust besang und noch vor Jahren bei Guerlain bezogen werden konnte? Der unnachahmliche Duft faulender Orchideen hat den Untergang des Bürgertums, in dessen Wintergärten sie welkten, um Jahrzehnte überlebt

nicht aber den Untergang der Revolutionäre, die das Bürgertum stürzten. "Jede Klasse, die das Erbe einer Gesellschaft antritt, erbt zur gleichen Zeit auch ihre Charakterzüge", schreibt der Oberst Ghaddafi in seinem Grünen Buch, und das heißt nichts anderes, als dass die revolutionäre Avantgarde der Arbeiterklasse sich noch an den diskreten Geruch der Bourgeoisie erinnerte und nach der Restitution der alten Rasierwässer strebte. Das war der übliche Gang der Geschichte, der immer in irgendeinem Wandlitz endete

man muss ihn nicht bedauern. Was aber, wenn auch die erbende Klasse untergegangen ist? Wenn Wandlitz gestürmt, der Sozialismus besiegt und der Kapitalismus wiedergekommen ist? Dann kommt Caron trotzdem nicht zurück.

Denn der neue Bourgeois weiß, anders als der Revolutionär, nichts von dem Erbe, das er antritt

das ist der Kern seiner unverschämten und nichtsnutzigen Vitalität. Wir aber, die erschöpften und enttäuschten Kunden der neuen Parfümerieketten, müssen zum Grünen Buch greifen, um darin einen Hauch feudalen Wüstenlebens zu erschnuppern, oder zur Minima Moralia, um dem Train bleu nachzuträumen. Doch sei vor Weinerlichkeiten gewarnt.

"Schwierigkeiten sind Tatsachen", schreibt der große Vorsitzende, "man muss sie anerkennen, wie viele es auch seien, man darf ihnen gegenüber keine Politik der Nichtanerkennung einschlagen." Nein, das wollen wir nicht, wir Nostalgiker der Kulturrevolution, wir anerkennen die neue barbarische Realität von Calvin Klein, Boss, Armani oder wie die Aufsteiger alle heißen.

Wir parfümieren uns nur mehr mit dem Duft alter Bücher, da riecht man gleich, wie verstaubt wir sind. Das ist unsere Politik der Anerkennung: Wir anerkennen unsere Diskriminierung als untergehende Klasse. Nur manchmal, im Ausland (falls wir es überhaupt noch ins Ausland schaffen), sehen wir mit Rührung, dass dort noch L'air du temps von Nina Ricci hoch im Kurs steht.