Helmut Roßkopf braucht keine halbe Stunde, um von einer Welt in die nächste zu wechseln: Um halb acht Uhr morgens steht er im weißen Feierkleid in der Klosterkirche von Volkenroda. Durch die großen Fenster fällt bläuliches Licht. Als Bruder Helmut stimmt er mit den Mitgliedern der Jesus-Bruderschaft Psalmen an. Um acht Uhr hat er Gewand gegen dunkle Hose und blauen Pullover getauscht, redet als Herr Roßkopf über Wechselkurse und erklärt die amerikanische Unternehmenskultur. Der 44-Jährige ist zugleich zölibatär lebender Bruder und Geschäftsführer der Firma Rosskopf und Partner GmbH.

Das Unternehmen stellt Küchenplatten her, Waschbecken für Hotels, Babybadewannen für Krankenhäuser. Die Firma beschäftigt in drei Niederlassungen rund 90 Mitarbeiter, machte im vergangenen Jahr 8,5 Millionen Euro Umsatz. Der geschäftige Bruder selbst lebt bescheiden in einem kleinen Zimmer im Konvent des Klosters. "Ich brauche nicht viel, meine Habe passt in zwei Koffer." Sein Geschäftsführergehalt zahlt er in die Kasse der Bruderschaft ein. Neben Kloster und Firma hat Roßkopf noch eine dritte Aufgabe: Als Vorsitzender des Vereins für den Wiederaufbau Kloster Volkenroda setzt er sich für den Ort und die Region ein. Volkenroda war ein sterbendes Dorf. Mit dem Wiederaufbau des Zisterzienserklosters durch die Bruderschaft kam neues Leben in den kleinen Flecken. Es gab wieder Arbeit. Und wenig später sorgte die Firma Rosskopf für zusätzliche Stellen.

Die Straße nach Volkenroda in Thüringen säumen alte Fachwerkhäuser. Eine einsame Gegend, sanfte Hügel, einzelne Bäume. Ein Schild weist auf den Nachtflohmarkt in Gotha hin, ein weiteres auf den neuen Baumarkt im Nachbarort. Zwischen Mühlhausen und Schlotheim liegt das 200-Seelen-Dorf, wenige Kilometer von der B 249, allzu viele von der nächsten Autobahn entfernt. Die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) und der Kalibergbau hatten zu DDR-Zeiten für Arbeitsplätze gesorgt. Nach der Wende machte alles dicht, die Arbeitslosenzahlen stiegen im Ort auf über 50 Prozent. Volkenroda passte ins Bild des tristen Ostens: In den vergangenen zehn Jahren haben 1,5 Millionen Menschen aus den neuen Bundesländern ihre Heimat aufgegeben, allein im Jahr 2000 wanderten 61 000 Menschen mehr gen Westen als von West nach Ost.

Helmut Roßkopf ging nach Osten und half mit beim kleinen Wunder von Volkenroda. Heute sind dort nur noch zehn Prozent arbeitslos. "Wenn die Brüder nicht gekommen wären, wäre das Dorf am Ende", sagt Matthias Hinsching, der bei Rosskopf und Partner an der Fräse arbeitet. Der 28-Jährige hat im Ort gebaut, ein leuchtend gelbes Einfamilienhaus. Neue Häuser gab es hier lange nicht mehr.

Anfang der Neunziger standen in Volkenroda außer den Ruinen des Zisterzienserklosters, das 1131 gebaut und 1525 im Bauernkrieg geschleift worden war, nur noch wenige Häuser, die meisten in trostlosem Zustand. Ob das SED-Regime wirklich beschlossen hatte, das Örtchen "abzusiedeln", wie es über Volkenroda heißt, weiß Ulrike Köhler nicht. "Faktisch aber war es so. Es wurde nichts für den Erhalt des Dorfes getan." Die arbeitslos gewordene Ökonomin hatte sich nach der Wende mit einer Gruppe von Bürgern für das Kloster eingesetzt, "um meinem Leben und meinem Heimatdorf wieder eine Zukunft zu bieten". Der Klosteraufbau schuf Dutzende ABM-Stellen, von 1991 bis 1998 waren rund 140 Menschen beschäftigt. "Viele Dorfbewohner sind so in Rente gekommen", sagt Köhler.

Lange versuchte die Gruppe Kliniken oder Hotelkonzerne für das Anwesen zu begeistern - vergeblich. Erst 1994 fand sich mit der Jesus-Bruderschaft aus dem hessischen Gnadenthal ein neuer Besitzer. Die 1961 gegründete Gemeinschaft ist evangelisch geprägt, aber ökumenisch ausgerichtet. Ihren Stammsitz hat sie in Limburg. In der Kommunität leben Familien, zölibatäre Brüder und Schwestern, die für die Einheit der Christen einstehen.

Die Gemeinde verkaufte das Kloster für einen symbolischen Preis, mit der Auflage, die Anlage zu sanieren und zu nutzen, erzählt Bruder Helmut.