Eine abweichende Meinung ist keine Revolution, hat der amerikanische Präsident Bush jüngst den Chinesen ins Stammbuch geschrieben. Als Europäer wird man dem nur zustimmen können. Nicht allerdings, ohne im Blick auf die transatlantische Gemeinschaft hinzuzufügen: Eine von Amerikas herrschender Staatsphilosophie abweichende europäische Meinung ist weder Rebellion noch Bündnisverrat, noch, wie sich Le Monde ausdrückte, "lèsehyperpuissance": Supermachtbeleidigung.

Überhaupt: Antiamerikanismus? Papperlapapp! Er war immer nur eine Randerscheinung. Schon Tocqueville hat vor 160 Jahren vermerkt, dass die Amerikaner es auf den Tod nicht leiden können, wenn Ausländer sie kritisieren. An ihrer "hochgebauten Stadt", dem neuen Jerusalem, lassen sie ungern herumkritteln. Wer anders aber sollte den Mund aufmachen, wenn nicht Amerikas Freunde? Dahinter verbirgt sich ebenso wenig Antiamerikanismus, wie hinter den amerikanischen Mäkeleien Antieuropäismus steckt.

Nach den Anschlägen des 11. September war überall in Europa das Bekenntnis zu hören: "Wir sind alle Amerikaner." Den Bekundungen "uneingeschränkter Souveränität" fügte man zwar einen Vorbehalt hinzu: Abenteuer waren nicht inbegriffen. Die Verbündeten bauten auf die Besonnenheit und Umsicht des amerikanischen Präsidenten. Sie unterstellten ihm eine abrupte innere Kehrtwende: vom ausgeprägtem Unilateralismus seiner ersten acht Amtsmonate zum überzeugten Multilateralismus eines neuen Koalitionszeitalters. Keine Alleingänge mehr. Den Vereinten Nationen nicht länger die kalte Schulter zeigen. Andere internationale Organisationen ernst nehmen. Völkerrechtliche Verträge nicht wegen angeblicher Belanglosigkeit aufkündigen. Vertrauensvoll mit Verbündeten und Partnern zusammenarbeiten.

Mit Bibel und Revolver

Die Europäer haben sich getäuscht. George W. Bush ist nicht vom Saulus zum Paulus geworden. Der Afghanistan-Feldzug gedieh rasch zum Triumph des einseitigen Auftrumpfens. Das Kriegsziel im Kampf gegen den Terrorismus wurde ständig erweitert: erst Ergreifung Osama bin Ladens und Zerschlagung seiner Al-Qaida

dann Sturz des Taliban-Regimes und all jener, die Terroristen Unterschlupf gewähren

Ausräuchern der Nester im Jemen, in Somalia, in den Philippinen