Die Achse der BetonköpfeSeite 5/5
Erstens: Schmollen ist so wenig eine Politik wie Kuschen. Die EU darf sich vieles zugute halten. Ihre Erweiterung nach Osten ist ein außerordentliches Stück gemeinsamer Außenpolitik. In ihrer Rolle als Stabilisator des Balkans ist sie unersetzlich. Ihre fortschreitende Integration auf allen Gebieten, auch wenn sie oft nur mit Hängen und Würgen vorankommt, sucht ihresgleichen.
Die Brüsseler Union hat gravierende militärische Defizite, die ausgeglichen werden müssen, wenn sie angesichts der neuen Bedrohungen nicht ganz auf Amerika angewiesen bleiben will. Indessen muss sie der amerikanischen Zumutung widerstehen, Weltpolitik auf den militärischen Aspekt zurückzuschrumpfen. Militärische Macht ist wichtig, doch sie bedeutet nicht alles. Die amerikanische Hochrüstung ist kein Vorbild für uns. Wir müssen nicht unbedingt vier Kriege gleichzeitig führen können.
Zweitens: Ihrem innersten Wesen nach muss die Europäische Union auf geduldige Diplomatie setzen, auf multilaterale Lösungen, auf Stärkung der Vereinten Nationen, auf mühsame Friedensarbeit. "Jaw-jaw, not war-war" - an dieses alte Churchill-Wort hat der britische EU-Außenkommissar Patten die Amerikaner jüngst zu Recht erinnert. Es mag der Tag kommen, an dem sich Europa wehren muss, möglicherweise sogar präventiv, aber dann müssen härtere Beweise her als die rhetorische Kunstfigur der "Achse des Bösen". Der erweiterte Sicherheitsbegriff, der seit dem 11. September im Schwange ist, berechtigt die Europäer auch dazu, immer wieder darauf hinzuweisen, dass sie, wo 40 Prozent aller Militärausgaben in der Welt auf Amerikas Konto gehen, immerhin 55 Prozent der gesamten internationalen Entwicklungshilfe aus ihren Kassen bezahlen. Das ist ein enorm wichtiger Beitrag zur Armutsbekämpfung und damit zur Austrockung des Sumpfes, in dem der Terrorismus gedeiht.
Drittens: Die alte Nato ist tot. Die Zwecke und Strukturen des Bündnisses müssen neu bestimmt werden. Das Pentagon strebt eine grundlegende Reform des westlichen Sicherheitsbündnisses an: Es soll sich hinfort auf weltweite Einsätze einrichten - Einsätze auch ohne UN-Mandat. Senator Lugar will den Kampf gegen den Terrorismus zur Hauptaufgabe der Allianz erheben, sonst werde sie "irrelevant". Im Weißen Haus und im State Department spielt man eher mit der Idee, dass Amerika die Kriege führt und Europa hinterher die Aufräum- und Aufbauarbeit macht - und beides finanziert. Dies wäre die falsche Arbeitsteilung. Europa wird definieren müssen, wie weit seine regionalen Interessen reichen. Wo endet der "euro-atlantische Raum"? Zum weltweiten Hilfssheriff der Amerikaner dürfen sich die Europäer auf keinen Fall machen lassen. Und wenn Washington klagt, dass Europas Rüstung und seine Aufklärungsmittel dem Stand der Technik hinterherhinkten - warum sträubt es sich dann so heftig gegen die - bezahlte! - Weitergabe der eigenen Technik an die Verbündeten?
Wer allein geht, strauchelt schnell
Vor allem, weil auch in den Vereinigten Staaten die Stimmen der Mahner keineswegs verstummt sind. So hat zum Beispiel Joseph Nye - zeitweise Diplomat, Geheimdienstkontrolleur, stellvertretender Verteidigungsminister, heute Dekan der Kennedy School of Government an der Harvard-Universität - soeben ein Buch veröffentlicht: The Paradox of American Power. Untertitel: Warum die einzige Supermacht der Welt es nicht im Alleingang schafft. Die Schrift ist ein kraftvolles Plädoyer für Rücksichtnahme auf die Freunde und Verbündeten - für jenen "decent respect for the opinions of mankind", den einst schon die amerikanische Unabhängigkeitserklärung forderte. Zugleich ist das Buch eine deutliche Absage an alle, die Amerikas Hegemonie in den Himmel heben. Nye hatte vor zwölf Jahren ein Buch geschrieben, Bound to Lead, in dem er die Führungsrolle der Vereinigten Staaten untersuchte und bejahte. Jetzt schreibt er: "Amerika muss führen, aber es muss zugleich kooperieren". Es sollte seine Politik nicht "übermilitarisieren". Es müsse sich vor Hybris hüten. Die Kosten des Multilateralismus würden vielfach aufgewogen durch die Vorteile. Der amerikanischen Macht seien Grenzen gezogen. "Unser Wunsch, alles im Alleingang zu machen, wird uns am Ende schwächen."
Joe Nye ist ein alter Freund. Ich stimme voll mit ihm überein. Bin ich deswegen etwa ein Antiamerikaner?
- Datum 28.02.2002 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren