Sie empfand es als einen Schlag ins Gesicht, als ihre Tochter sagte: "Ich liebe meinen Gott mehr als meine Mutter." Anna P. konnte es nicht fassen. Da saß ihre erwachsene Tochter im "Glaubenszentrum Bad Gandersheim" und war ihr völlig fremd geworden. Noch vor kurzem wollte sie Sozialpädagogik studieren.

Inzwischen hat sie ihr ganzes erspartes Geld in Kurse der Glaubensschule gesteckt und besitzt fast nichts mehr. Trotzdem will sie zu einem "Ostereinsatz" nach Pakistan aufbrechen. "Jesus hat mir das ins Herz gelegt", beteuerte sie der fassungslosen Mutter.

Ob Jesus die Reise seiner Jüngerin auch bezahlt, ist fraglich. Als die Mutter danach fragte, erhielt sie zur Antwort, der Herr benutze für seine Überweisungen manchmal auch Menschenhände.

Der Herr muss großzügig sein, und er rechnet offenbar noch in D-Mark, denn die Reise kostet "ca. 1800 DM, Unterkunft frei". Maximal acht Teilnehmer sollen es sein, die zum "Kurzzeiteinsatz" nach Pakistan fahren. Und: "Wenn es möglich ist: eine Woche Kabul." So steht es auf dem Hinweisblatt der Schule.

Es ist nicht nur dieser beiläufige Satz, der die Mutter von Beate alarmierte.

Mit wachsendem Entsetzen las sie unter dem Stichwort Risiko: "Mäßiges Risiko." Und weiter, dass die Teilnehmer "ihr Einverständnis geben (müssen), dass im Falle einer Entführung kein Lösegeld gezahlt wird..."

Sie seien "in erster Linie Touristen, keine Missionare", versichert denn auch Dieter Drexler, der Leiter der Schule, der ZEIT am Telefon. "Das ist rein privat." Eine seltsame Privatreise, wenn man die Papiere der Schule über den "Einsatz" liest, die Beates Mutter im Glaubenszentrum Bad Gandersheim erst nach langem Hin und Her kopieren konnte. Darin steht als Ziel des touristischen Ausfluges: "Das Team vor Ort durch Gebet und Lobpreis zu unterstützen (für geistliche Durchbrüche)." Unter der Rubrik Verheißungen und Vision verrät die Glaubensschule, worum es geht: "Die Vaterschaft und die Liebe des himmlischen Vaters erben und freizusetzen, der die Dürre der Seelen wie auch des Landes mit seinem himmlischen Lebenswasser beenden will." Ob arme, islamische Länder wie Pakistan oder Afghanistan jetzt christliche Missionare brauchen?