In vieler Hinsicht ist es ein maßloses Stück. Mit weniger als 1000 Takten und 50 Minuten Spieldauer mochte sich Leopold Godowsky nicht zufrieden geben in seiner e-moll-Sonate. Nicht weniger als sechs Themen exponiert und verarbeitet der erste Satz, der in seiner formalen Stringenz allerdings nie verrät, dass der 1870 unweit von Vilnius geborene Ausnahmepianist praktisch Autodidakt war. Anderen - seinem Zeitgenossen Alexander Skrjabin etwa - hätte dieser Kopfsatz zur kompletten Sonate gereicht, Godowskys großer musikalischer Roman benötigt vier weitere Sätze.

In denen findet sich fast alles, was damals so in Mode war: ein schwelgerisches Andante mit klingelnden Arpeggien (dessen hinreißend schöne Melodik einem freilich erst einmal einfallen muss), ein Gespensterreigen als Scherzo und ein leicht melancholischer Walzer, der nicht so recht in Gang kommen will. Der letzte Satz wagt dann in 18 Minuten die formale Tour de Force vom Choral über eine B-A-C-H-Fuge, die Max Reger alle Ehre gemacht hätte, hin zum Trauermarsch samt Dies-Irae-Thematik und zur träumerisch hereinwehenden Erinnerung an die Eröffnungstakte der Sonate. Fast wirkt es symbolisch, dass Godowsky das in Wien komponierte Stück 1911 aus der Taufe hob - im Todesjahr Gustav Mahlers. Der wollte auch die ganze Welt in eine Sinfonie packen, was ähnlich für die Sonate gilt, die in ihrer faszinierenden Brüchigkeit nur im Abendrot des bürgerlichen Zeitalters entstehen konnte.

Zugleich weist das Mammutwerk seinen Schöpfer bei aller virtuosen Eleganz als eminenten, irgendwie rührend hoffnungslosen Lyriker aus. Kühl bis ans Herz hinan, mit der für solche Musik lebensnotwendigen Balance zwischen absoluter intellektueller Durchdringung und überschießender Emotionalität rehabilitiert Marc-André Hamelin, der kanadische Meisterpianist und Hypervirtuose, das Werk in einem grandiosen Kraftakt für den Konzertbetrieb (Hyperion CDA 67300).

Und mit der wesentlich später, erst 1928 komponierten Passacaglia über das einleitende Thema von Schuberts Unvollendeter Sinfonie liefert er eine zweite große Komposition aus Godowskys Feder als Zugabe mit. An der will Wladimir Horowitz dereinst ein ganzes Jahr lang täglich mehrere Stunden gearbeitet haben, ehe er vor dem "höllischen Stück" kapitulierte. Hamelin hält das für eine "grobe Übertreibung". Und wer den Kanadier gehört hat, glaubt ihm das auch.