Dass wir uns nicht ändern können, hat hauptsächlich zwei Gründe: Erstens tritt man sich nicht gern selbst auf die Füße

zweitens ist es unmöglich, einen Menschen, der bei einer bestimmten Art zu handeln Glück gehabt hat, davon zu überzeugen, dass es gut wäre, einmal anders zu handeln. Begreifen wird man das, indem man sich die neuen Stücke zweier mittlerweile erprobter Berliner Theatererneuerer ansieht, die wissen, warum sie sich ständig ändern müssen: damit ihr begeistertes Publikum bei seiner Meinung bleiben kann.

Sasha Waltz hatte schon im Titel klar gemacht, dass sie sich ans Paradoxe wagen würde. No Body ist das Gegenteil von Körper, ihrer erfolgreichsten Arbeit für die Schaubühne, und benennt den Versuch, sich durch Bezugnahme zu distanzieren. Als weitere Komplikation ist die Tatsache eingebaut, dass bereits S und 17-25/4 als Antworten auf Körper gedacht waren. So sah no Body für ein paar irreführende Minuten aus, als solle der Leib zum Verschwinden gebracht werden: die Tänzer nur Schemen in der schweren Dämmerung des Schaubühnenhalbrundes - ein Altarraum für Spiritualisten, die alles Körperliche als Erscheinungsweise des Geistigen ansehen. Hinter erleuchteten Milchglasfenstern verschwommene Gestalten, auftauchend und versinkend im unsteten Rhythmus der Lichtregie. Da blitzt die bewegte Welt als flatterige Erinnerung in die wirkliche Welt, den Bereich der Seele.

Tot wie ein altes Brot

Aber dann geht das Licht richtig an, und wir erkennen, dass Sasha Waltz eine ganz materialistische Lösung für das Leib-Seele-Problem hat: Das alte Tanzen spielt noch immer den Stellvertreter für die alten Abstraktionen. Das Unanschauliche doch wieder im Kostüm der Anschauung und also die Seele verstanden als Leibesfunktion. Es ist eben nicht alles Denkbare machbar: der Körper als bloße Vorstellung nicht theaterfähig. Darum rennt und rollt und schwankt und dreht sich das Ensemble wie gehabt. In der einen Ecke werfen zwei einen Dritten hin und her, in der anderen Ecke heben zwei einen Dritten hoch und runter und so weiter.

Weil aber Sasha Waltz auch dem Bodenständigen einen Zauber verleihen kann, versetzt sie ihre Zuschauer trotzdem in Überraschung. Erst entrückt Hans Peter Kuhn das Publikum in einen vibrierenden Geräuschraum, wo die Töne des Industriezeitalters sirren. Dann bläht sich ein weißer Ballon riesig bis über die ersten Zuschauerreihen. In das ängstliche Raunen hinein fällt ein schwarzer Regen, eine Tänzerin im Sterntalerkostüm beginnt zu schweben, und schließlich platzt der Ballon, dass die elektronische Sphärenmusik uns ins Gesicht weht. Aber am Ende geht es mit no Body doch so wie bei Brentano: "Wenn der lahme Weber träumt, er webe / Träumt die kranke Lerche auch, sie schwebe. / Kömmt dann Wahrheit mutternackt gelaufen, / Rennt den Traum sie schmerzlich übern Haufen."

Vor allem die Selbstzitate schlagen der Choreografin zum Nachteil aus. Das bekannte Knicksen, Nicken und Beiseiteneigen wirkt wie eine Wiederkehr des Verdrängten. Darum erscheint die ganze erste Stunde der neunzigminütigen Inszenierung plötzlich - einige verblüffende zylindrische Holzkleider fahren über die Bühne - wie das bloße Präludium zum eigentlichen Einfall des Abends.