die zeit: Herr Schäuble, ist George Bushs "Achse des Bösen", der Irak, der Iran und Nordkorea, auch Ihre Achse des Bösen?

Wolfgang Schäuble: Ich ziehe vor, amerikanische Politik nicht nach ihrer Rhetorik zu beurteilen, sondern nach dem, was sie tut. Nach dem 11. September war die Rhetorik in den ersten Tagen so, dass wir mit unseren europäischen Erfahrungen durchaus unsere Probleme damit hatten. Aber die Politik war besonnen, entschieden und umsichtig zugleich. Bei der Operation Enduring Freedom in Afghanistan warnten die Experten: Das geht alles schief! Jetzt müssen wir zugeben, dass die gequälten Menschen vielleicht zum ersten Mal die Chance auf ein etwas menschenwürdigeres Leben haben, die Frauen eingeschlossen.

zeit: Dem Irak wird mit einer Intervention gedroht. Kann ein amerikanischer Präsident von dieser Rhetorik wieder herunterkommen und sich damit bescheiden, dass Inspektoren in das Land Saddam Husseins einreisen dürfen?

Schäuble: Was die "Achse" angeht, besteht das Problem in der Gleichsetzung von Irak, Iran und Nordkorea. Präsident Bush soll der chinesischen Führung gesagt haben, er würde gern mit den Nordkoreanern reden und sie mögen ihm dabei helfen, die Leute zu treffen. Das klingt schon wieder etwas anders. Im Falle Iran halte ich es für richtig, eher auf eine positive politische Entwicklung zu setzen. Der Irak ist ein Sonderproblem. Ich weiß nicht recht, wie das miteinander kompatibel sein soll, auf der einen Seite zu drängen, die Inspektion wieder aufzunehmen, weil es um Massenvernichtungswaffen geht, und auf der anderen Seite klar zu verlangen: Saddam Hussein muss weg! Aber auch in Europa muss ernsthafter diskutiert werden, welche die richtige Reaktion ist, wenn ein solches System über Massenvernichtungswaffen verfügt. Ich finde, die amerikanische Position ist eher richtig, präventiv noch gefährlichere Entwicklungen zu verhindern.

zeit: Seit dem 11. September sieht Amerika sich im "Krieg". Das militärische Vorgehen, hat man hingegen immer gesagt, sei nicht eigentlich der "europäische Weg".

Schäuble: Das ist wahr. Aber entgegen manchen Erwartungen in Europa zeigen die ersten Reaktionen, dass auf Druck, wenn er glaubwürdig genug wirkt, auch reagiert wird. Obendrein hat Afghanistan gelehrt, dass möglicherweise die militärischen Erfahrungen aus dem Golfkrieg nicht mehr so stimmen: Militärtechnologisch sind die Amerikaner zehn Jahre weiter. Die Möglichkeiten, mit Einsatz auch militärischer Mittel politische Ziele zu erreichen, bergen sehr viel begrenztere Risiken als vor zehn Jahren. Das ist offensichtlich der Quantensprung in der militärtechnischen Entwicklung.

Kollateralschäden, ein fürchterliches Wort, lassen sich ganz anders begrenzen, als es noch auf dem Balkan möglich war. Für Amerikaner kann das eine Rolle spielen, weil die Gefahr, den Krieg quasi im eigenen Wohnzimmer zu verlieren, vor dem Fernseher - das ist die traumatische Vietnam-Erfahrung - viel geringer geworden ist. Darin steckt natürlich auch ein Problem: Wir haben uns in den Jahrzehnten der Abschreckungsdebatte daran gewöhnt, den Einsatz militärischer Mittel für unmöglich zu halten, was auch nicht so schlecht war. Jedenfalls haben wir mit dem Ende der Ost-West-Teilung die Erfahrung gemacht, dass ihr Einsatz überhaupt nicht unmöglich geworden ist.