Vor zehn Jahren war es nur eine Idee: den Schutz des Regenwaldes mit den Interessen eines Autokonzerns und den Bedürfnissen der Landbevölkerung unter einen Hut zu bringen. Sollte so etwas möglich sein? Skepsis war geboten, solche Ideen klingen zu schön, um wahr zu werden. Doch manchmal klappt es ja mit den Träumen.

20 Familien lebten vor zehn Jahren in Praia Grande. Caboclos wurden sie genannt. Nicht schmeichelhaft: es bedeutet so viel wie Mischling, Halbblut, bestenfalls armer Teufel. Diese Brasilianer sind aus den Favelas, den Slums der Großstädte, geflüchtet, um in der Weite des Amazonasgebiets ihr Glück zu suchen. Vielleicht 20 Millionen solcher Caboclos sind in den fünf Millionen Quadratkilometer umfassenden Regenwald vorgedrungen. Richtige Bauern sind sie nicht: Wenn sie überhaupt etwas von Landwirtschaft verstehen, dann betreiben sie Wanderfeldbau. Sie fackeln ein Stück Wald ab und fällen die großen Bäume.

Nach ein, zwei Jahren brennen sie den nachwachsenden Sekundärwald erneut nieder. Wieder ein, zwei Jahre später müssen sie weiterziehen. Die kargen Böden sind ausgelaugt.

Heute leben 36 Familien in Praia Grande. Sie sind keine Caboclos mehr. Der Ort hat Strom. Es gibt sauberes Trinkwasser. Sie bauen Kokosnüsse an. Bis zu 60 Nüsse trägt jeder ihrer Bäume heute. Höchstens 12 waren es vor zehn Jahren. Die Leute sind sesshaft geworden. In den Hütten stehen Fernsehgeräte.

Fast alle Kinder besuchen die Schule. In einer kleinen Fabrik - dem gemeinsamen Eigentum der Dorfbewohner - stellen sie Kopfstützen her. Die Fasern für die Stützen gewinnen sie selbst. Früher war die Schale der Kokosnuss für sie nur Abfall. Heute nimmt ihnen das Mercedeswerk in SÆo Paulo 8000 Stück der mit Latex veredelten Stützen ab.

Der Urwald ist natürlich nicht gerettet, nur weil 200 Menschen ihn sinnvoll nutzen. Aber die Idee hat sich durchgesetzt. Die Produktion von Praia Grande ist zu einem Modell geworden, weltweit. Ein Traum wurde wahr, weil er von genialer Einfachheit war. Und weil alle Beteiligten ihren Vorteil erkannten.

Die Geschichte dieses Erfolgs, den vor zehn Jahren selbst die Initiatoren nicht zu erhoffen gewagt hatten, lehrt viel über das Wesen der Entwicklungshilfe - und die unterschiedlichen Interessen, die dabei manchmal zusammenkommen. Denn so einfach die Idee, so kompliziert war die Partnerschaft, die sie durchsetzen sollte.