Bei der Bürgerversammlung im Bremer Stadtteil Östliche Vorstadt macht sich Ratlosigkeit breit. "Wir können das hier doch alle überhaupt nicht beurteilen", sagt ein frustrierter Teilnehmer. So wie ihm geht es den meisten Kommunalpolitikern. Beim Umgang mit dem heiklen Thema "Elektrosmog" fühlen sie sich vielfach überfordert. Doch vertagen hilft nichts. Denn in Bremen muss, wie in vielen anderen deutschen Kommunen, in diesen Wochen über die Standorte der neuen Masten für das UMTS-Netz entschieden werden. Und das ruft landauf, landab erregte Diskussionen zwischen Stadtplanern, Technikern und gesundheitsbesorgten Bürgern hervor.

Auf normalen Stadtplänen ist der Antennenwald schon gar nicht mehr zu erkennen, der in den vergangenen Jahren in Städten und Gemeinden gewuchert ist. Neben Radio- und Fernsehsendern, Polizei und Richtfunkanlagen gibt es heute hierzulande mehr als 50 000 Basisstationen für den Mobiltelefonverkehr.

Für UMTS soll sich diese Zahl noch einmal verdoppeln. Genaue Zahlen kennt niemand. Denn für Antennenanlagen von bis zu zehn Meter Höhe wurde bis 2001 keine Baugenehmigung verlangt, deshalb verfügen die Behörden auch nicht über ein komplettes Verzeichnis. Seit Dezember 2001 haben sich die Mobilfunkbetreiber verpflichtet, die Kommunen in künftige Standortentscheidungen einzubeziehen. Nun steht das Thema plötzlich überall auf der Tagesordnung.

Die Liste der Schrecken ist lang

Aber sind die flächendeckend ausgebreiteten elektromagnetischen Felder überhaupt eine Gefahr für die Gesundheit? "Solange das nicht eindeutig ausgeschlossen werden kann, nehmen wir doch alle unfreiwillig an einem gigantischen Feldversuch teil", empört sich eine Anwohnerin in der Bremer Bürgerversammlung. Die Stadtteilpolitiker können ihr die Sorge ebenso wenig nehmen wie der eigens geladene Vertreter des Stadtplanungsamtes. Der kennt sich zwar mit baurechtlichen Vorschriften beim Aufrichten von Antennen aus, zuckt in puncto Gesundheit aber mit den Schultern. "Da tappt man weitgehend im Dunkeln." Auch die Broschüre des Gesundheitsamtes, die er mitgebracht hat, weist nur allgemein darauf hin, dass "beim derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand Gesundheitsbelastungen nicht sicher ausgeschlossen werden können".

Wo es so wenig handfeste Informationen gibt, ist umso mehr Raum für Spekulationen. Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Allergien, Depressionen, Tinnitus, Kopftumoren, Leukämie bei Kindern - es gibt fast nichts, das nicht im Verdacht stünde, vom Elektrosmog erzeugt oder gefördert zu werden. Eine komplette Horrorliste dieser Art wird von der "Bürgerwelle" verbreitet. Das ist eine Art Dachverband der deutschen Bürgerinitiativen gegen den Elektrosmog. Über 11 000 solcher Initiativen soll es mittlerweile geben, sagt Siegfried Zwerenz, Sprecher der Bürgerwelle und hauptberuflich Heilpraktiker im bayerischen Tirschenreuth. Die Schreckensliste der Elektrosmogfolgen fuße auf "alltäglichen Beobachtungen, Erfahrungsmedizin und aktueller Forschung".

Von solchen Sammlungen einzelner Verdachtsfälle als Beleg der Gefahr aus dem Äther hält Wolfram König überhaupt nichts. Er ist Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) und damit für die Festlegung und Einhaltung der Grenzwerte für elektromagnetische Felder zuständig. "Da der Mensch keine eigenen Sensoren für Strahlungsbelastungen besitzt", sagt er, "entsteht die Verunsicherung weniger aus den realen Strahlungsrisiken als vielmehr aus der Angst vor dem Unbekannten." Ende vergangenen Jahres hat König die allgemeine Verunsicherung sogar in einer repräsentativen Umfrage feststellen lassen. 35 Prozent aller Bundesbürger über 14 Jahren machen sich danach Sorgen um Gesundheitsgefahren durch den Mobilfunk, die meisten davon haben Angst vor Handys, gefolgt von Sendeanlagen und schnurlosen Haustelefonen. König hält dies vor allem für ein Informationsdefizit. Denn nach Auswertung aller vorliegenden Hinweise sei er zu einem "eindeutigen" Ergebnis gekommen: "Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis eines Gesundheitsrisikos, vor dem die Grenzwerte nicht schützen."