Schön schon der Titel. In der Silbe "-haft-", einem "alten Partizipialadjektiv", wie uns die Grammatik lehrt, stecken noch immer die beiden Wurzeln des Stammwortes, das schon Jacob und Wilhelm Grimm für ihr Deutsches Wörterbuch vor 150 Jahren erforscht haben.

Einmal: "hab", was jemand hat, ihm/ihr anhaftet. Am schönsten spricht solches Haften, eine der Person gehörende Eigenschaft, die Todkranke, die hier erzählt, der Nachtschwester zu, die sie als Anästhesistin in den Operationssaal begleitet: "Eine stille, dunkle, junge Frau, mädchenhaft, lebhaft, gewissenhaft."

Die andere Bedeutung hat mit Gefangennahme zu tun, mit (Ver-)Haft(-ung), Fremdbestimmung. In der Erschöpfung zwischen mehreren Operationen lässt die Patientin diesen düsteren "-haft"- Akkord als Todestrompete erschallen, nach dem harmlosen Krankenwort "schadhaft": "Gespensterhaft. Eulenhaft. Traumhaft.

Schemenhaft. Schauderhaft. Scheusalhaft. Grauenhaft. Fieberhaft. Zwanghaft."

Der reale Sozialismus - Diagnose einer Vergiftung

Was also erzählt das Titelwort "Leibhaftig"? Im Zwielaut erklingt neben der freundlichen Bedeutung "körperlich, einen Körper habend" die bedrohliche Mahnung der "Leibhaft", der alten Schuldknechtschaft, hier der Besitzergreifung eines Menschen durch den (tod-)kranken Leib.

Der Missklang, der sich, wie in Bachs Passionen, im Atemzug vor dem Schlussakkord auflöst, ist Grundmelodie dieses Buchs: Ein Leib leidet - und ist doch im Kopf, der zum Körper gehört, hell-gesund. Ein Körper ist in Haft genommen durch fremde, doch auch zum Körper gehörige Bazillen. Ist Krankheit nicht Teil der Gesundheit? Gehört nicht Tod zum Leben?