Sprachensterben Leben und sterben lassen
Drei Viertel aller Sprachen sind in 100 Jahren tot. Na und?
Das Übel heißt Englisch. Sprachpuristen und Heimatschützer ziehen in den Kampf gegen die angelsächsische Sprachglobalisierung. Mit jedem Anglizismus, der in ihre Muttersprache kriecht, werden sie zu noch feurigeren Antiimperialisten. Auch andere Eroberer stehen in der Kritik: Arabisch, Russisch, Mandarin.
Im Lamento um Verhunzung und Verdrängung wird allerdings oft vergessen, dass eine Sprache reifen kann, ohne dass ihr Charakter verdorben wird. Was wäre das Französische ohne bistrot, einen Import aus dem Russischen? Was wäre Deutsch ohne Pyjama? Man sollte einer Sprache Leben zugestehen. Und zum Leben gehört bekanntlich der Tod.
Doch jeder Wegfall eines Dialekts wird beweint wie das Sterben einer Kreatur.
Am lautesten, wenn die Unesco, wie vergangene Woche, ihren Atlas der bedrohten Sprachen samt "alarmierendem Befund" veröffentlicht, wonach die meisten der 6000 Idiome bedroht sind. Dann kommen Menschen zu Wort, mit denen keiner mehr sprechen kann. In den Inuitsprachen Eyak und Sirenikski können sich gerade noch je zwei miteinander verständigen. Fünfzig Idiome werden gar nur noch in Selbstgesprächen verstanden. Zum Beispiel Kurisch.
Wer nach unbedingter Rettung schreit, vergisst, dass diese nur Sprachen zuteil werden kann, die freiwillig gesprochen werden. Ostfriesisch, Sorbisch oder die ebenfalls bedrohten samischen Dialekte werden so lange existieren, wie Menschen sie sprechen möchten. Das Beispiel Irland dagegen beweist, dass Sprache nicht zu verordnen ist. Mit Gründung des Freistaats 1921/22 wurden alle Beamten angewiesen, nur noch irisch zu schreiben. Als Umgangssprache machte sich dennoch das Englische breit. Umgekehrt ist Kurdisch nicht totzukriegen, auch wenn mehrere Regierungen alles daransetzten, es zu verdrängen.
Sprache ist dem Wandel der Zeit unterworfen. Sogar das Englische - Kalifornien ist seit kurzem mehrheitlich spanischsprachig. Nur wenn viele es wollen, können Tote wiederauferstehen: Hebräisch wurde mit der Gründung Israels wiederbelebt. Cornish, ein keltischer Dialekt in Cornwall, ging 1777 unter. Dann gruben Linguisten vor 50 Jahren mittelalterliche Texte aus und bastelten daraus ein zeitgemäßes Keltisch. Es traf den Publikumsgeschmack.
- Datum 27.07.2007 - 04:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10/2002
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