Jeden Tag fährt um 17.13 Uhr vom Salzburger Hauptbahnhof ein Zug ab, der rund sechs Stunden später Zagreb erreicht. Diese Fahrzeit würde kaum reichen, um einem neugierigen Reisenden die Frage zu beantworten, wer der Mann war, der dem EC 193 Mimara seinen Namen gegeben hat: Ante Topic Mimara. Man könnte allein eine Stunde über der Erörterung des Namens verbringen und sich dann endlos mit der Hauptfrage beschäftigen, ob dieser Mann nicht vielleicht ein ganz anderer war. Je nachdem, wem man glauben möchte, wurde Mimara 1898 in Dalmatien als Ante Topic Matutin geboren und ging nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg nach Rom, um sich als Maler ausbilden zu lassen. Dort legte er sich auch den Künstlernamen Mimara zu. Andere sagen, Mimara vereine Bestandteile des Namens Mi(rko) Mara(tovic), den man einem 1897 in Split aufgefundenen Findelkind gab, das später in seinem Leben die Identität eines 1919 gestorbenen Kriegskameraden namens Ante Topic annahm.

Wenn es denn passte oder notwendig war und wenn nicht gerade andere Tarnungen galten: Mate Topic, Popic, Graf Pjelik de Ina, Pasko, Zglado, Mimaraovic stehen etwa zur Auswahl. Im Grunde könnte man alle Fernzüge mit Ziel Zagreb aus diesem Namensvorrat taufen. Und je nachdem, welche der Möglichkeiten man wählt und welchen Verzweigungen man folgt, es eröffnen sich labyrinthische Strukturen, die ein so bescheiden linearer Text wie dieser niemals abbilden könnte. Hat Mimara zusammen mit seinem Freund Tito jenen dreisten Kunstraub verübt, der den Schatz der Kathedrale von Zagreb für einige Jahre um ein bedeutendes Elfenbeinrelief erleichterte? Stimmt es, dass Steven Spielbergs Produktionsfirma Dreamworks, angeregt durch den serbischen Filmstar Branko Lustig, eine Verfilmungsoption auf das Leben des Mimara gekauft hat? Ist die italienische Modedesignerin Paula Maratovic die Tochter Mimaras? Könnte es ihr gelingen, durch eine DNA-Analyse sich Gewissheit zu verschaffen und damit das hochpolitische Vermächtnis Mimaras zu unterminieren?

Aber zuerst könnte man ja verraten, warum dieser Zug so heißt. Er verbindet die Stadt Salzburg, wo sich Mimara 1963 ansiedelte, mit Zagreb, der Hauptstadt seines Heimatlandes Kroatien. Dort starb er 1987, ein verlorener und schließlich heimgekehrter Sohn, der den größten Teil seines Lebens im Ausland verbracht hatte - als Restaurator, Kunstsammler und -händler, Schieber diverser Güter, Objekt und Subjekt fantastischer Geschichten. Es gab Zeiten, da er seinem Vaterland gute Dienste leistete. Es gab andere, da ihm das Nachkriegsjugoslawien nach dem Leben trachtete, aber das ist eine Geschichte, die wir von fast allen Exiljugoslawen nach 1945 hören konnten. Am Ende standen Orden und Titel - und ein Deal. Mimara hatte 1973 mit der Sozialistischen Republik Kroatien einen Vertrag geschlossen, der die Abtretung seiner Kunstsammlung gegen eine Leibrente von 100 000 Dollar plus Wohnungen in Zagreb und am Meer regelte. Außerdem sollte für die Kunstschätze ein eigenes Museum geschaffen werden. Seit 1987 kann man im Zentrum der kroatischen Hauptstadt das Museum Ante und Wiltrud Topic Mimara besichtigen.

(Wiltrud ist der Vorname der Witwe, die nach wie vor in Salzburg lebt.)

Zwei der wichtigsten Episoden in Mimaras Leben sind in letzter Zeit neu aufgerollt wurden und sollen hier rekapituliert werden. Eine hat sich dabei weitgehend aufgeklärt, die andere leider nicht. Mimara lebte seit den zwanziger Jahren in Deutschland, vor allem in München und Berlin, wo er auch die Kriegszeit verbrachte. Die Sage will, dass er Hermann Görings engster Berater in Sachen Kunst war, dass er als Spion für die Russen arbeitete und Stalin den Überfall der Deutschen avisierte, dass er für und gegen die Nazis war, auch mal im Konzentrationslager saß - all das ist unbewiesen. Erhärtet haben sich dagegen ältere Behauptungen, dass Mimara direkt nach dem Krieg für den jugoslawischen Geheimdienst arbeitete und als Devisenschmuggler tätig war.

Und sehr viel besser sind wir inzwischen über seinen ersten offiziellen Einsatz für sein Heimatland im Bild. Im Dezember 1948 meldete sich Mimara unter dem Namen Maté Topic beim Münchner Collecting Point als Restitutionsbeauftragter der jugoslawischen Regierung. Der Collecting Point, der Nebenstellen in Wiesbaden, Stuttgart und Karlsruhe unterhielt und dessen Auftrag die Sammlung und Rückführung der von den Nazis geraubten Kunstwerke war, stand damals vor der Auflösung. Mimaras Mission kam überraschend - an die Jugoslawen und ihre möglichen Ansprüche hatte niemand gedacht. Es fügte sich auch, dass der jugoslawische Beauftragte nach einigen Monaten mit sehr konkreten - und erfüllbaren - Anfragen aufwartete. Seine Liste mit 166 vermissten Werken wurde präzise abgearbeitet. Ende Mai, Anfang Juni 1949 ging der Transport von München in Richtung Jugoslawien ab. Am 1. Dezember desselben Jahres schloss der Collecting Point.

Vermutlich wusste man damals schon, dass man im großen Stil geleimt worden war. Von den 166 ausgelieferten Werken kehrten ganze drei in ihr Ursprungsland zurück