Wenn mächtige Diktatoren stolpern, sind die Spötter schnell zur Stelle.

Doch dem US-Kapitalmarkt schallt kein Hohngelächter entgegen, obwohl er in der größten Krise seit den zwanziger Jahren steckt. Nur leise macht sich Genugtuung breit. Seit dem Enron-Skandal ist die moralische Überlegenheit der amerikanischen Bilanzierungsregeln dahin. Das stärkt das Selbstbewusstsein der Europäer. Jetzt haben sie die Chance, demnächst die Normen am internationalen Kapitalmarkt mitzubestimmen.

Frits Bolkestein verdient Lob. Der EU-Kommissar für den Binnenmarkt kritisierte jüngst unverhohlen die Vorschriften der Vereinigten Staaten, die wegen ihrer Komplexität und Undurchschaubarkeit die Bilanztricks bei Enron erst ermöglicht hätten. Seine Forderung: Die amerikanische Börsenaufsicht SEC soll ihre Bilanzierungsregeln aufgeben und stattdessen die von den Europäern favorisierten internationalen Vorschriften akzeptieren, die unter dem Kürzel IAS (International Accounting Standards) bekannt sind.

Geschickt hat Bolkestein die aktuelle Diskussion über die US-Regeln genutzt und die Richtung für einen langen Marsch vorgegeben. Auch die Amerikaner müssen eines Tages weltweit gültige Regeln akzeptieren. Dabei kommt der Europäischen Union jetzt eine wichtige Rolle zu. Mit dem Euro im Rücken, muss sie sich zum Fürsprecher eines weltweit einheitlichen Kapitalmarktes machen.

Nicht gegen die Amerikaner, sondern mit ihnen - und allen anderen.

Bislang handeln die Amerikaner aus der Position des Stärkeren und nach dem Motto: Wer zu uns kommt, muss unsere Gesetze befolgen. Basta! Das in den USA verwaltete Vermögen sowie die Marktkapitalisierung der dortigen Unternehmen ist so hoch, dass sich die übrigen G-7-Staaten zusammenschließen müssten, um ein ähnliches Gewicht auf die Waage zu bringen. Da bleibt den weltweit agierenden Firmen nichts anderes übrig, als notgedrungen die Regeln der Amerikaner zu akzeptieren. Nur so können sie in der Weltliga mitspielen - sei es, um an das Geld amerikanischer Investoren zu gelangen, sei es, um sich mit den Konkurrenten aus den USA bei Ergebnis und Börsenbewertung messen zu lassen.

So regiert die amerikanische Börsenaufsicht SEC bis in die Hauptquartiere der europäischen Unternehmen hinein. Wer an der New Yorker Börse notiert ist, muss die Rechnungslegung nach den amerikanischen Bilanzvorschriften vornehmen und sich auch zu Hause an diese Regeln halten. Die Gesetze in Deutschland, England oder Japan finden vor den strengen Augen der SEC keinerlei Anerkennung. In Europa dagegen werden die US-Abschlüsse voll anerkannt. Und es gibt auch keine Institution, die ausländischen Unternehmen vorschreibt, was sie daheim in der Öffentlichkeit sagen dürfen und was nicht.