Das Chaos in seinem winzigen Atelier im Londoner Stadtteil South Kensington war legendär - in seiner Geburtsstadt Dublin ist es seit dem vergangenen Jahr in der Hugh Lane Municipal Gallery mit mehr als 20 000 "bits and pieces" minutiös rekonstruiert worden und zu besichtigen. Aber Francis Bacon, der wohl bedeutendste englische Künstler des 20. Jahrhunderts, war zumindestens in seinen finanziellen Angelegenheiten kein Chaot. "Bacon war sich seines Marktwertes genau bewusst. Für höhere Konditionen oder besseren Service hätte er seine Galerie sofort gewechselt", sagt die Sprecherin Georgie Gibbs von Marlborough Fine Art im Gespräch mit der ZEIT.

Die über 30 Jahre dauernde, exklusive Zusammenarbeit der Galerie mit dem 1992 gestorbenen Künstler - ohne einen schriftlichen Vertrag - geriet in die Schlagzeilen, als Bacons Nachlassverwalter Brian Clarke einen Prozess mit einem Streitwert von rund 100 Millionen Pfund gegen Marlborough Fine Art anstrengte. Die Vorwürfe: Galerist Frank Lloyd habe durch Erpressung den Wechsel Bacons zur New Yorker Pace Gallery verhindert, 33 Gemälde unterschlagen und überzogene Kommissionsraten kassiert. Am 18. Februar sollte der High Court in London die Verhandlung aufnehmen.

Überraschenderweise hat Clarke wenige Tage vor Prozessbeginn die Klage im Namen des in Thailand lebenden und nach dem Tod Bacons im Jahr 1992 mit rund zehn Millionen Pfund versorgten Alleinerben John Edwards zurückgezogen. Der Kronzeuge für die angebliche Erpressung behauptete plötzlich, eine solche Behauptung nie aufgestellt zu haben. Ganz abwegig schien dem Gericht nicht, dass die Galerie ein bisschen Druck auf den Künstler ausgeübt hatte. Als die Verkäufe der Porträts und Triptychen immer besser liefen, hatte die Galerie 70 Prozent der Bezüge über Verkäufe in Liechtenstein auf Bacons Schweizer Konto überwiesen und damit an der Steuer Großbritanniens vorbeigeschleust.

Dem war aber in Wirklichkeit nicht so, und auch die Buchführung von Marlborough - sämtliche Gemälde wurden fotografisch dokumentiert - entkräftete den Vorwurf der Unterschlagung der 33 reklamierten Bilder. "Alle Werke sind da und abgerechnet", meint die Sprecherin der Galerie. So reichten die Argumente nicht einmal für einen Vergleich.

Und es half dem Nachlassverwalter auch nicht, von der mächtigen New Yorker Anwaltskanzlei Eastman vertreten zu sein, die bereits in den siebziger Jahren in einem Sensationsprozess gegen Marlborough erfolgreich vorgegangen war: In einem Jahre währenden Tauziehen waren der nicht im Testament von Mark Rothko erwähnten Tochter Kate und dem Sohn Christopher das Vermögen des Künstlers zugesprochen sowie eine Entschädigung in Höhe von rund sechs Millionen Dollar zuerkannt worden. Nachlassverwalter Frank Lloyd wurde damals zu einer Geldstrafe verurteilt und aus dem amerikanischen Kunsthändlerverband ausgeschlossen. Nutznießer war damals Arnold Glimcher von der Pace Gallery, dem daraufhin der Verkauf des Rothko-Nachlasses mit 2000 Gemälden übertragen wurde. Das ist ebenjener Herr, der Francis Bacon drei Jahre später zum Wechsel zu Pace überreden wollte und der nun als Zeuge für die "Erpressung" den Bacon-Biografen Michael Peppiatt aufgerufen hatte.

Wie eine Einladung zu weiteren Forderungen schien diese Gerichtsentscheidung gewirkt zu haben. Als Nächster versuchte der Enkel von Kurt Schwitters der Galerie am Zeug zu flicken. Frühzeitig hatte er der Familie gegenüber bekannt gegeben, dass er an dem Werk seines Großvaters kein Interesse habe und alles nach dem Tod seines Vaters Ernst verkaufen würde. Um das zu verhindern, ging Ernst Schwitters mit Marlborough einen Vertrag über Verkaufsrechte, Lagerung von rund 600 Werken, Marktpflege sowie die Organisation von Ausstellungen ein.

Ernst Schwitters war noch am Leben, als der Enkel Bengt Schwitters den Vertrag mit Marlborough kündigte. Unberechtigterweise, wie sich später herausstellen sollte. Daraufhin gab die Galerie 350 Werke heraus und verlangte Schadensersatz. Drei Jahre später gab das höchste norwegische Gericht der Galerie Marlborough Recht: Sie habe sich nichts zuschulden kommen lassen. 2,5 Millionen Dollar mussten die Erben an Kosten und Schadensersatz zurückerstatten.