Paris

Der Fall des Pariser Metro-Kontrolleurs Eric Douet ist zunächst eine traurige Geschichte: Ein 39-jähriger Mann, Vater von vier Kindern, bricht an einem warmen Sommernachmittag des Jahres 1999 im Eingang der Station Barbès-Rochechouart zusammen. "Er starrte mich an, lallte und sank langsam auf die Knie", erzählt eine Augenzeugin. 24 Stunden später ist er tot.

Schlaganfall.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich die schlichte Wirklichkeit längst verselbstständigt zu einem dramatischen Beispiel aus dem lebensgefährlichen Alltag in Frankreich. Die Radiosender sprechen von einem "tätlichen Angriff" dunkelhäutiger Straßenhändler auf einen Kontrolleur, die Fernsehsender zeigen Douets Foto in den Hauptnachrichtensendungen. Noch in der Nacht eilt der Verkehrsminister an sein Krankenhausbett. Der sozialistische Premierminister und der neogaullistische Staatspräsident fordern prompt bessere Sicherheitsvorkehrungen und mehr Polizeipatrouillen in den öffentlichen Verkehrsbetrieben - als ob sie in der Opposition wären und nicht an der Macht. Zwei Tage lang streiken Douets Pariser Kollegen und mit ihnen die Verkehrsbetriebe von Lille, Straßburg, Lyon und Marseille. Im Nu ist Paris von einem 212 Kilometer langen Staugürtel umgeben. Millionen Franzosen, die zur Arbeit müssen, werden zu Geiseln einer kollektiven Hysterie. Obwohl Polizei- und Obduktionsbericht jede Fremdeinwirkung kategorisch ausgeschlossen haben, hält der Vorstand der Pariser Verkehrsbetriebe Zweifel an der natürlichen Todesursache wach. Der Betriebsrat veranstaltet einen Schweigemarsch hinter einem Banner von unfreiwilliger Komik: "Nie wieder!"

Der Fall Eric Douet ist ein Beispiel dafür, wie misstrauisch man mit allen Nachrichten zu Kriminalität und Innerer Sicherheit in Frankreich umgehen sollte, zumal in Wahlkampfzeiten. Seit Monaten, wenn nicht gar seit Jahren - und völlig unabhängig vom 11. September -, zeichnet sich ab, dass die Innere Sicherheit diesmal das entscheidende Thema des Präsidentschaftswahlkampfs wird. Schon im Oktober 1997 hatte die französische Linke auf Initiative des damaligen Innenministers Jean-Pierre Chevènement eine Wende hin zur Law-and-Order-Politik vollzogen, eine Wende, mit der sie sich auf das angestammte Terrain der Konservativen begab: Sicherheit sei ein Grundrecht der Bürger, verkündete Premierminister Lionel Jospin auf einem viel beachteten Kolloquium, zu dem die Regierung sich eigens in den nicht besonders schicken Pariser Vorort Villepinte begeben hatte.

Staatspräsident Jacques Chirac feilt seinerseits erkennbar seit über einem Jahr an einem neuen sicherheitspolitischen Diskurs, den er jetzt bei seinem ersten Wahlkampfausflug in die trostlose Pariser Trabantenstadt Garges-les-Gonesse ausprobiert hat. Es ist, mit semantischen Varianten, das Programm von Villepinte - oder von Tony Blair oder von Bill Clinton: "Straffreiheit null" statt "zero tolerance". Die französische Sicherheitspolitik orientiert sich stärker, als sie zugibt, an angelsächsischen Vorbildern, "nur dass wir um zehn Jahre hinterherhinken",wie ein Pariser Kriminologe sagt. Während die Amerikaner schon die Zusammenhänge zwischen Zangengeburt und Straffälligkeit im Erwachsenenalter untersuchten, gelten die jünsten Vorschläge französischer Politiker zur Früherkennung von potenziellen Straftätern verhaltensauffälligen Kindern im Vorschulalter.

Die Angst vor Einbrüchen und Raubüberfällen, vor tätlichen Angriffen im Parkhaus, vor Bedrohung der Kinder auf dem Schulweg, vor pädophilen Betreuern im Ferienlager, vor Rempeleien, Messerstechereien und Taschendiebstählen durch (ausländische) Jugendbanden hat sich in Frankreich zu einer gesellschaftlichen Obsession sondergleichen gesteigert. Nach fünf Jahren wirtschaftlicher Prosperität, in denen zwei Millionen neue Arbeitsplätze entstanden und 900 000 Arbeitslose eine Stellung fanden, ist die Angst um Leib und Eigentum größer als die bisherige Hauptangst vor der Arbeitslosigkeit. Das bestätigen alle Meinungsumfragen. Und: Je geringer die tatsächliche Bedrohung, desto größer die Angst. So stellte das rechtssoziologische Forschungsinstitut Cesdip in einer soeben veröffentlichten Studie für das Ballungsgebiet Paris mit seinen 12 Millionen Einwohnern fest: Ältere Menschen in ruhigen Wohngebieten fürchten sich am meisten - und stellen gleichzeitig das Publikum, das sich am 21. April und 5.