Yvonne Bezarra de Mello denkt gar nicht daran, sich zu schämen. Nicht für ihr Dressurpferd, ihr Dior-Kleid, ihr hübsches Atelier oder für ihr schillerndes Leben an der Seite eines Hotelkettenbesitzers. Schuldgefühle sind Luxus und in Yvonnes täglichem Kampf für Rios Straßenkinder unnütz. Seit dem Massaker von Candelaria 1993, als acht Kinder von der Miltärpolizei erschossen wurden und Yvonne als Erste eintraf und sich um die Überlebenden kümmerte, kennt jeder in Brasilien die Kriegerin des Lichts. Ein ambivalenter Ruhm, der ihr in den Favelas zwar großen Respekt einbrachte, unter ihresgleichen aber mit pikiertem Hüsteln und Anfeindungen quittiert wurde. In Kriegerin des Lichts ist Yvonne mit ihrem hoch komplizierten Doppelleben vor allem eine Heldin der Mimesis. Und damit eine weitere Protagonistin im Kosmos multipler Möglichkeiten, der die Regisseurin Monika Treut schon immer faszinierte. Von den "grausamen Frauen" in Female Misbehavior bis zu den Sexutopien jenseits der Konzepte des Weiblichen oder Männlichen in Gendernauts. Mit politischem Redlichkeitskino, das klammheimlich seine Lust am Pittoresken feiert, hat Kriegerin des Lichts dagegen nichts gemein. Kamerafrau Elfi Mikesch und Monika Treut beweisen ein gutes Gespür für jedes Zuviel. Keine zu nahen Einstellungen, keine Emotionalisierungen, kein Bild, das zum Misereor-Tütchen gerät. Die Kamera schaut einfach zu, diskret, aber beharrlich. Wie Yvonne Jugendliche anraunzt, die nicht lernen wollen. Oder wie sie sich vor einem bewaffneten Dealer aufbaut, um ihm ein: "Ich könnte deine Mutter sein!" um die Löffel zu hauen. Das hat nichts von der schwebenden Seligkeit einer Mutter Teresa. Eher etwas von Barbara Stanwyck in 40 Guns oder anderen routinierten Flintenweibern, die sich zur Not auch ohne Waffen ihren Weg bahnen.