Der Plan erscheint abwegig. Doch was sich eine Expertenkommission ausgedacht hat, um das Berliner Haushaltsloch zu stopfen, könnte bald Wirklichkeit werden: Schutzleute für die Polizei. Alle Dienstgebäude der Hauptstadt sollen künftig von Angestellten privater Sicherheitsfirmen bewacht werden. Warum sich die Polizei nicht mehr selbst schützen soll? Weil das den Haushalt des hoch verschuldeten Berlin um jährlich 2,5 Millionen Euro entlasten würde, rechnet die Kommission um den ehemaligen Bundesverteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) in ihrer "Staatsaufgabenkritik" vor. Die inzwischen abgewählte Regierung Diepgen hatte die Experten im März 2001 damit beauftragt.

Die Berliner Haushaltssanierer liegen mit ihrem Plan im Trend. Die Privatisierung staatlicher Institutionen macht auch vor der Polizei nicht Halt. Davon profitieren kommerzielle Sicherheitsdienste. Die Branche steigerte ihren Umsatz im vergangenen Jahr um rund sieben Prozent und beschäftigt, einschließlich Teilzeitkräften, mehr als zwei Millionen Menschen - Tendenz steigend. Zwar machen die klassischen Einsätze als Nachtpförtner und Kaufhauswärter noch den Löwenanteil der Dienstleistungen aus. Immer häufiger aber agieren private Aufpasser Seite an Seite mit der Polizei.

Früher wollten die staatlichen Ordnungshüter nichts von ihren privaten Pendants wissen. "Weil die meisten von denen miserabel ausgebildet waren und sich zudem viele als halbseidene Prügelknaben entpuppten", sagt Konrad Freiberg, Vorsitzender der Polizeigewerkschaft (GdP). Das ist zwar auch heute noch so, doch zwingt der Mangel an Geld und Personal die Polizei zum Flirt mit den Privaten. In den vergangenen drei Jahren wurde das Polizistenaufgebot in Deutschland auf 270 000 verkleinert, obwohl durch Internet-Kriminalität, Fahndung mittels Gendatei, Kosovo-Einsatz und Castor-Transporte neue Aufgaben entstanden. "Uns fehlen 50 000 Leute", klagt Freiberg. Da Bund, Länder und Gemeinden aber sparen müssen, greifen sie auf die billigeren Angestellten der Sicherheitsfirmen zurück: Bei der Polizei kostet jede Arbeitsstunde rund 60 Euro. Bei den Privaten nicht einmal ein Drittel davon.

So werden aus Nachtwächtern kurzerhand Garanten für innere Sicherheit. In den deutschen Großstädten fahren private Hilfssheriffs Streife

die schwedische Sicherheitsfirma Securitas, mit einem Umsatz von 476 Millionen Euro hierzulande der Marktführer, kontrolliert die Passagiere am Regierungsflughafen Berlin-Tegel und verwarnt Verkehrssünder in Bayern.

Kötter Security überwacht im nordrhein-westfälischen Büren den Abschiebeknast, Securicor das Kernkraftwerk Krümmel in Geesthacht sowie militärische Anlagen.

Wie wichtig die privaten Ordnungshüter als Partner der Polizei geworden sind, zeigen Kooperationen auf hoher Ebene. In Frankfurt ist die polizeiliche Führungs- und Lagedienststelle per Standleitung mit einer zentralen Ansprechstelle der privaten Sicherheitsdienste verbunden. Ein Vertreter der Privaten kann zudem an der Montagsrunde teilnehmen, in der die Polizei Fahndungsschwerpunkte festlegt. Ähnliche Kooperationen gibt es auch in Düsseldorf und - auf Landesebene - in Mecklenburg-Vorpommern. "Die privaten Dienstleister entlasten die Polizei und tragen erheblich zur Inneren Sicherheit bei", berichtet der dortige Innenminister Gottfried Timm.