Dokumentarfilm Spannung Ost

Seit 40 Jahren dokumentiert der Regisseur Winfried Junge das Leben im brandenburgischen Dorf Golzow - und schuf so ein Abbild des ostdeutschen Alltags. Der jüngste Film dieses Langzeitprojekts hat jetzt Premiere

Eigentlich passiert gar nichts. 400 Kilometer Film über das banale, das einfache, unverstellte Leben. Das Leben auf dem ostdeutschen Land. Tag für Tag, Jahr für Jahr. Wie das Tropfen eines undichten Wasserhahns.

Es war einmal in Golzow. Ein Dorf im Oderbruch, nahe der polnischen Grenze.

Da sind ein paar Kinder kurz vor ihrer Einschulung. Sie werden versetzt oder bleiben sitzen. Sie machen eine Lehre, arbeiten, heiraten, kriegen selbst Kinder. Über 40 Jahre lang wurde dieses reale Lebenseinerlei auf Zelluloid gebannt. 17 Filme auf mehreren hundert Rollen. Sie erzählen die Geschichte der Kinder von Golzow. Eine Hand voll Menschen und ein Ort. Eine Langzeitbeobachtung, stellvertretend für das Leben in der DDR und die Zeit danach.

Warum gerade dieses Golzow? Es ist ein schönes Dorf. Seine hügeligen Felder und Wiesen erinnern an Bilder von Caspar David Friedrich. Die verheerende Schlacht um die Seelower Höhen, in die Golzow am Ende des Zweiten Weltkriegs geriet, ist heute nicht vergessen. Die wenigen Menschen, die damals überlebten - und alle, die von jenseits der Oder dazukamen -, bauten das Dorf nach dem Krieg fleißig wieder auf. Der alte Spruch, in dieser Gegend träfe man zwei Ochsen vor dem Pflug und einen dahinter, verlor seine Gültigkeit. In der jungen DDR stand Golzow plötzlich für Tüchtigkeit.

Die neu installierte landwirtschaftliche Genossenschaft produzierte mit Gewinn und wurde zum Gemüsegarten von Berlin. Die Leute hatten Arbeit und Einkommen. Sie waren zufrieden, hielten sich Kaninchen oder ein Schwein und bauten Tomaten und Gurken an, die sie dem Staat gut verkaufen konnten.

Zwischen die Blumenrabatten ihrer Vorgärten postierten sie Gartenzwerge und selbst gebastelte Windmühlen.

Kommunistische Utopien, von der Regierung in Ost-Berlin angeordnet, interessierten die Menschen wenig. Die Sehnsüchte der Golzower richteten sich auf das Einfache, das Machbare: eine schöne Wohnung, Frieden mit dem Nachbarn, Gesundheit und ein sicheres Leben. Eigentlich das, was alle Menschen vom Leben erwarten.

Doch warum Golzow in der DDR? Könnten es nicht genauso gut Clüverswerder, Mackenmühle oder Pfaffenhölzle in der BRD sein? Der gemeine Deutsche, ganz gleich ob Ost oder West, hat er nicht ein und dieselbe Mentalität? Er will seine Ruhe, mag keine Unordnung, besonders nicht durch Fremde, ist duldsam, relativ leidenschaftslos und hingerissen von weiß gewaschenen Gardinen.

Doch die Golzower waren kämpferischer. Zum Beispiel im jahrelangen Wettstreit um einen Trabi, um einen Urlaubsplatz an der Ostsee oder um eine neue Schrankwand. Sie lebten rastloser und unbequemer und waren - immer auf der Jagd nach irgendetwas - vielleicht auch etwas wacher als die Menschen im Westen. Die mussten nicht so viel Zeit und Mühe in ihr Leben stecken, hatten ihr Budget, planten den nächsten Urlaub und fielen wieder ins Phlegma.

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