Das Jahr 2002 beginnt in Großbritannien mit einem Phänomen aus vermeintlich längst vergangener Zeit: einer Streikwelle. Zuerst standen die Züge still, dann traten die Beamten in den Arbeitsämtern in den Ausstand, schließlich weigerten sich ihre Kollegen in der Steuerbehörde, Überstunden zu machen. Als Nächstes wird die Londoner U-Bahn gestoppt, und auch die Gewerkschaften der Post, der Lehrer und der Londoner Feuerwehrleute haben Streiks angekündigt. Auf dem Dritten Weg steht plötzlich eine Straßensperre - besetzt von einem Streikposten.

Unter Führung der Gewerkschaften erhebt sich Großbritanniens politische Linke gegen ihren sozialdemokratischen Premierminister Tony Blair. Ursache sind die Reformen im öffentlichen Dienst, und wieder einmal die Frage: Staat oder Markt? Blair setzt weiter auf die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor, der linke Flügel Labours dagegen fürchtet den Totalverlust der traditionellen Grundwerte der Arbeiterpartei. So werden die einstigen Kampfgenossen von Old Labour zur Opposition von New Labour.

Eigentlich war der Konflikt vorherzusehen. Denn als sich die Labour-Partei Mitte der neunziger Jahre neu erfand, ging es ihr gerade um die Abkehr von Ideologien und historischen Verpflichtungen. "Dritter Weg" war vor allem ein neues Wort für politischen Pragmatismus. Gleich nach Amtsantritt stellte Blair klar, dass niemand "eine bevorzugte Behandlung" erwarten könne. Auch nicht die Gewerkschaften.

Nun steht die Reform des öffentlichen Dienstes an, laut Gesundheitsminister Alan Milburn das "größte Projekt von Labours zweiter Amtszeit". Auch hier bedeutet Pragmatismus, dass sich der Staat seine Rolle als öffentlicher Dienstleister mit dem Privatsektor teilt. Dieses Modell der Private Finance Initiative (PFI) hatten einst die britschen Konservativen eingeführt. Demnach übernimmt der Privatsektor den Bau von öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Schulen und Gefängnissen - und verpachtet sie an den Staat.

Tony Blair will das Konzept nun weiter ausbauen. Er will auch das Straßennetz privatisieren ebenso wie manche Hospitäler und Schulen.

Vielen auf dem linken Parteiflügel, der sich 1997 auf einen Burgfrieden mit der in die Mitte gerückten Partei einließ, geht das zu weit. Mit viel Getöse etabliert sich in diesen Wochen eine linke Fraktion für den starken Staat.

"Ich will einen anständigen öffentlichen Dienst, der in der öffentlichen Hand ist", wettert Bob Crow, frisch gewählter Chef der Transportgewerkschaft. Crow bezeichnet sich gern als "Sozialist", und tatsächlich schlägt er längst verklungen geglaubte politische Töne an: "Wenn man sich die Gehälter von Rechtsanwälten und Politikern anschaut, warum sollen dann nicht die Angestellten der Eisenbahnen mehr Geld fordern dürfen?"