Betrachtet man die Oscar-Verleihung als alljährliche Betriebsversammlung, bei der sich ein ganzer Industriezweig mit seinen Erfolgen, Werten, Wünschen und Projektionen feiert, dann gibt es mit Ron Howards A Beautiful Mind in diesem Jahr den idealen Kandidaten für die frohe Nacht der Selbstbespiegelungen. Geht es doch um einen Mann, dem das eigene Leben zum Film gerät und dessen Vorstellung von Trugbildern bevölkert ist. Auch wenn er seine persönliche Traumfabrik irgendwann als Illusion durchschaut, wird er sich mit seinen Geschöpfen einrichten - so wie auch wir mit dem einen oder anderen Leinwandwesen älter werden, das dann bei den Oscars vielleicht noch ein Preisträger-Briefchen öffnen darf.

A Beautiful Mind erzählt die wahre Lebensgeschichte des von Russell Crowe gespielten Mathematikers John Nash, der bereits als junger vielversprechender Princeton-Student einen wunderlichen Hang zu eigenen Welten hat. Eine entschiedene Ungeselligkeit verbindet sich mit zielstrebiger Arbeitswut, ein geradezu libidinöses Verhältnis zu Zahlen mit der Abstinenz von allen irdischen Vergnügungen. Für Nash besteht das Leben aus logischen Strukturen und analogen Konstellationen, deshalb inspiriert ihn eine banale studentische Blondinenbalz auch zum Grundstein seiner so genannten "Spiel- und Entscheidungstheorie" über die mathematischen Prinzipien des ökonomischen Wettbewerbs. Von außen gesehen, macht der attraktive Sonderling aus den Südstaaten eine wissenschaftliche Bilderbuchkarriere, landet als Dozent am elitären MIT und heiratet die schönste aller denkbaren Studentinnen. Was dieses Anfang der fünfziger Jahre sonnenhell erstrahlende Mathegenie allerdings für eine Bestsellerbiografie, eine starbesetzte Leinwandadaption und acht Oscar-Nominierungen prädestiniert, ist eine in Nashs Vorstellung entstehende Parallelwelt, die allein dem Sog der Chiffren gehorcht. Eine zwanghafte, von Spionage- und Weltrettungsszenarien geprägte Halluzination, die schließlich das diagnostische Etikett einer paranoiden Schizophrenie erhält.

Es hat einen durchaus komischen Reiz, wenn ein zunächst ganz vernünftig auftretender Mensch plötzlich davon überzeugt ist, dass ihm die Russen auf der Titelseite der New York Times geheime Zahlenbotschaften zusenden. Oder dass die Überschriften amerikanischer Hausfrauenzeitschriften den gegenwärtigen Stand der Wasserstoffbombenforschung enthalten. Für diesen Riss im Weltbild und seine visuellen Herausforderungen interessiert sich der Film allerdings kaum, abgesehen von ein paar bedrohlich birnchenblinkenden Zahlenreihen und Nashs genialisch-chaotischer Zettelwirtschaft. Bereits in seinem Film Apollo 13, der seinerzeit für neun Oscars nominiert wurde, inszenierte Ron Howard den Astronauten Tom Hanks als findigen Selfmademan, der auf seinen Traum vom Mond verzichten muss und sich stattdessen tapfer durch alle Widrigkeiten des Weltalls manövriert. Ganz ähnlich geht es auch in A Beautiful Mind um einen Helden, der sein Schicksal aus eigener Kraft bezwingt und auch innerhalb der eigenen Wahnwelt ein aufrechter Amerikaner bleibt.

In seiner Darstellung des zahlenbesessenen Genies scheint Russell Crowe alle Register, die in Hollywood je in der Darstellung von Geisteskrankheit gezogen wurden, gleichzeitig zu vereinen und zu toppen. John Forbes Nash junior erinnert an Dustin Hoffmans autistischen Rain Man genauso wie an Jodie Fosters sprachbehinderte Nell oder den vom Schlaganfall gezeichneten Robert de Niro in Makellos. Vom allererersten, motorisch leicht unkontrollierten Kopfkratzen über den zunehmend unsicher schlurfenden Gang bis zum orientierungslos flackernden Blick verwandelt sich hier ein realiter recht unattraktiver psychischer Defekt in brillanzentschlossenen Symptomreichtum.

Die komplexen Aspekte der von Sylvia Naser verfassten Nash-Biografie treten dabei in den Hintergrund, etwa seine Bisexualität oder die zwischenzeitliche Scheidung von seiner Frau. Was bleibt, ist die Geschichte von der charakterstärkenden, die Krisen und Jahrzehnte überwindenden Kraft der aufopfernden Liebe. Wir werden Zeugen einer wahrhaft willensstarken, sich auf logische Parameter stützenden Selbstfindung, in deren Verlauf der Held seine schizophrenen Wahnvorstellungen zu verscheuchen lernt wie lästige Fliegen.

A Beautiful Mind ist vielleicht auch deshalb der ideale Oscar-Film, weil er die illusionäre Kraft des Mediums zelebriert und gleichzeitig bis zur Schmerzgrenze überdehnt. Etwa wenn Nash vom leicht unsicheren, aber durchaus muskulösen und im T-Shirt sogar sexy aussehenden Superhirn fast übergangslos zu einer Art wissenschaftlicher Dödel vom Dienst wird, der in einer Ecke der Bibliothek von Princeton mit Pudelmütze vor sich hin doziert. Oder wenn ein paar graue Strähnchen im Haar ankündigen, dass er und seine Frau innerhalb der kommenden fünf Filmminuten um vier Jahrzehnte altern werden (Oscar-Nominierung in der Kategorie beste Maske). Ein wahres Schelmenstück in Sachen medialer Selbstbezüglichkeit beziehungsweise vorgreifender Selbstbeweihräucherung ist die finale, im Triumph gipfelnde Rehabilitierung des Helden. Alles schon da, vom Smoking über das begeistert applaudierende Auditorium bis zur gefühlsbetonten Dankesrede an die gerührt im Publikum sitzende Ehefrau. Schließlich ist der Nobelpreis auch nur eine Art schwedischer Wissenschaftsoscar.