Warum geht ein großes Schiff aus Eisen nicht unter? Angela Jonen hat das Poster eines mehrstöckigen Kreuzfahrtschiffs an die Tafel gehängt. Davor sitzen 30 Mädchen und Jungen im Kreis. In der Mitte ein Aquarium mit Wasser und einige Töpfe. Kevin rutscht ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her.

"Weil die Luft es nach oben zieht", ruft er. Weil das Wasser es drückt, meint Leon. Weil der Motor es über Wasser hält, sagt Jasmin. Eifrig diskutieren die Drittklässler über Luftkammern und Wellen, Eisen und Holz, Schwimmen und Sinken. Vergessen sind die Wissenschaftler, die im Hintergrund des Klassenraums ihre Notizen machen. Vergessen die beiden Kameras, mit denen jede Handbewegung aufgezeichnet wird. Die Schüler zwischen neun und elf Jahren ahnen nicht, dass sie vielleicht die nächste Revolution der Grundschule einleiten.

Denn während die Dreikäsehochs der Peter-Wust-Grundschule in Münster die Natur ergründen, erforschen Bildungsexperten die Schüler. Die Lehranstalt gehört zu einer Hand voll Schulen, an denen Didaktiker, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die "Bildungsqualität von Schulen" untersuchen. Lernen und Unterrichten von Mathematik und Naturwissenschaften stehen dabei im Vordergrund. In diesen Fächern schneiden deutsche Schüler im internationalen Vergleich besonders schlecht ab.

Leistung statt Kuschelpädagogik, fordern deshalb Pisa-geschockte Bildungspolitiker und schielen auf die Grundschulen. Für "Basteln und Spielen" sei in den ersten Schuljahren kein Platz mehr, polterte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. Schon fürchten Lehrer und Pädagogen um die Errungenschaften der letzten Bildungsreform, die den Ideen und Interessen der Kinder Vorrang vor dem Fachwissen einräumte. An der Peter-Wust-Schule sollen beide Seiten nun versöhnt werden.

"Kindorientierung und Wissenschaftsorientierung sind keine Gegensätze", beschwichtigt Kornelia Möller von der Universität Münster, die das Projekt gemeinsam mit Elsbeth Stern vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin betreut. In der kommenden Woche stellt sie die Ergebnisse auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts in Halle vor.

Beim Forschen fühlt sich Janine "wie im Krimi, wenn einer ermordet wurde".

Zuerst muss man nach Beweisen suchen. Dafür haben die Kinder acht Unterrichtsstunden Zeit. In der zweiten Stunde stehen sie in der Schulküche um Wasserbecken herum und formen Schiffe aus Knete, versenken Steine an Gummibändern und tauchen ihre Hände in Plastikhandschuhen unter Wasser. "Frau Jonen, alles was hohl ist, schwimmt!", ruft ein Junge mit Baseballkappe durch den Jungforscherlärm. Was ist hohl, fragt sie zurück. Der Klassenraum ist hohl. Autos sind hohl - aber Autos gehen unter. Die Metallplatte mit dem Loch geht unter. Der Draht geht unter, obwohl er leicht ist. "Ich glaube, es kommt auf die Form an", sagt Kim Sung und zeigt zwei Knetstücke, von denen das schalenförmige über Wasser bleibt. "Das ist eine gute Idee", lobt Jonen, "schreib sie in dein Forscherbuch."