Die Bremser und Bedenkenträger meldeten sich schon am Wochenende: Kaum 48 Stunden nachdem Florian Gerster am vergangenen Freitag zum neuen Chef der Bundesanstalt für Arbeit bestellt war, erteilte der Ländervertreter in der Selbstverwaltung der Behörde allen Plänen, die Landesarbeitsämter abzuschaffen, eine "kategorische" Absage. Gleichzeitig bekräftigten Gewerkschaften und Arbeitgeber ihren Anspruch, weiterhin über die Politik der Anstalt mitzubestimmen. Auch aus dem Personalrat gab es die erste Warnung: Wer wie geplant Verwaltungspersonal in die Vermittlung versetzen wolle, müsse sagen, wer dann die Verwaltungsarbeit übernehme, meinte der Personalratschef.

Der Widerstand zeigt, wie schwer es Gerster haben wird, aus der Nürnberger Mammutbehörde einen schlagkräftigen und schlanken Dienstleister zu formen - notfalls auch gegen die bislang regierende Selbstverwaltungstriade aus Gewerkschaften, Arbeitgebern und öffentlicher Hand. Das gilt schon für die erste Stufe der Reform, die das rot-grüne Regierungsbündnis bis zum 1. Juli in Gesetzesform gießen will. Demnach soll Gerster in einem dreiköpfigen Vorstand die Geschäfte führen, die Vertreter der Selbstverwaltung würden in einen Aufsichtsrat abgeschoben und damit an Macht verlieren. Vorgesehen ist außerdem, die Zahl der mit der Vermittlung beschäftigten Arbeitsamt-Mitarbeiter von unter 10 000 auf 24 000 zu erhöhen - und gleichzeitig durch mehr private Konkurrenz für mehr Engagement zu sorgen.

Schon nach drei bis sechs Monaten sollen Arbeitslose künftig die Dienste eines privaten Vermittlers in Anspruch nehmen können

bisher war ihnen dieser Weg oft genug versperrt.

In der Theorie klingt das gut. In der Praxis wird Gerster auf einen Apparat stoßen, der weder modern noch flexibel ist - und dem im jahrzehntelangen Kampf gegen die Arbeitslosigkeit durch die Politik immer neue, teils sachfremde Aufgaben aufgebürdet wurden. 25 000 Mitarbeiter haben damit zu tun, die Höhe staatlicher Leistungen auszurechnen, 10 000 sind mit der Verwaltung befasst. Der eigentliche Auftrag der Behörde ist die Vermittlung und soziale Absicherung von Arbeitslosen, tatsächlich beschäftigt sie sich auch mit Berufsberatung und Insolvenzen, mit Mobilitätshilfen und der Unterstützung Behinderter, mit illegal Beschäftigten, Kindergeld und psychologischen Gutachten. Dazu organisiert sie, als ganz große Brocken, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Weiterbildung - zwei Felder, die viel Geld kosten und viel Beschäftigung schaffen. Vor allem in den Arbeitsämtern.

Geplant ist, diesen Aufgabenwust der Bundesanstalt in einer zweiten Reformstufe bis 2004 auszudünnen. Weitgehende Einigkeit herrscht schon jetzt darüber, dass die Ämter künftig weder Kindergeld auszahlen noch gegen die Schwarzarbeit kämpfen sollen. Widerstände dürfte es dagegen geben, wenn sich Gerster daranmachte, an den in Jahrzehnten gewachsenen Säulen bundesdeutscher Arbeitsmarktpolitik zu kratzen - obwohl das bitter nötig wäre: Dass etwa die Teilnahme an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Arbeitslose die Aussicht auf einen Job eher verschlechtert, gilt unter Wissenschaftlern inzwischen als ausgemachte Sache. Auch Weiterbildung und Umschulung sind nachweislich keine Königswege zu einem neuen Arbeitsplatz. Kostenrechnungen oder Effizienzanalysen, die sich mit dem Preis und dem Nutzen der "aktiven" Arbeitsmarktpolitik befassen, gibt es in der Bundesanstalt allerdings bis heute nicht.

Gäbe es sie, wären nicht nur Arbeitsplätze in der Behörde gefährdet.