Wir beuten uns selbst aus

Frauenrecht und Widerstand: Ein Gespräch mit der palästinensischen Schriftstellerin Sahar Khalifa von Stefan Weidner

die zeit: In Ihrem neuen Buch Das Erbe beschreiben Sie die Lage in den besetzten Gebieten nach den Osloer Friedensverträgen. Die Situation der Palästinenser erscheint als bedrückend und ohne Perspektiven. Würden Sie die neue Intifada als die logische Konsequenz der durch die Osloer Verträge geschaffenen Situation ansehen?

Sahar Khalifa: Einige Leute haben die Osloer Verträge für die Lösung der Probleme gehalten. Aber das war ein Betrug. Im Buch wollte ich zeigen, wie sehr man versucht hat, eine Situation zu übertünchen, die doch tatsächlich überall spürbar war: Auf gesellschaftlicher Ebene ebenso wie für jeden Einzelnen, in der Auseinandersetzung mit den Siedlern und den Israelis allgemein. Es wurde behauptet, man gäbe uns die Autonomie, aber dann haben sie überall Straßensperren errichtet. Das Buch handelt von diesen Spannungen.

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Es musste zur Explosion kommen, weil die Osloer Verträge nicht auf soliden, der wirklichen Situation entsprechenden Grundlagen beruhen und nicht klar formuliert waren.

zeit: Amos Oz sagte in Tübingen neulich, dass die beiden Völker, das israelische und das palästinensische, erstmals in der Geschichte reifer sind als ihre Führer und den Frieden wollen. Der israelische Schriftsteller Sami Michael behauptete kürzlich gegenüber dieser Zeitung genau das Gegenteil. Wie stellt sich das für Sie als Palästinenserin dar?

Khalifa: Es stimmt für die Israelis, jetzt, wo dort die Friedensbewegung wieder auflebt. Die Israelis sind tatsächlich weiter als ihre Regierung. Aber auch die Palästinenser sind derzeit ihren Führern voraus, jedoch in einer ganz anderen Weise: Die Palästinenser kämpfen endlich gegen die Besatzung, während die Autonomiebehörde - auf westlichen Druck, versteht sich - sagt, wir sollen aufhören mit dem, was sie "Gewalt" nennen. Doch das wäre ein Rückschritt. Man kann die Besatzung nicht beenden, indem man jahrelang, ja über mehrere Generationen hinweg einfach nur dasitzt und redet und redet und redet, ohne dass etwas dabei herauskommt. Das ist einfach nur dumm. Wir haben es versucht, es hat nicht funktioniert. Jetzt wollen wir kämpfen, und darin sind wir unseren politischen Führern voraus. Fragen sie irgendeinen Palästinenser, ob die Intifada gestoppt werden soll: Die Antwort wird nein sein, es sei denn, die Besatzung endet. Nur unter den Führern finden sich solche, die sagen, lasst uns an den Verhandlungstisch zurückkehren. Aber es ist Unsinn, weil es nicht funktioniert, wie wir alle gesehen haben.

zeit: Gewalt also als einziger Ausweg?

Khalifa: Handelt es sich wirklich um Gewalt? Können wir nicht sagen, es ist ein Befreiungskampf? Stellen Sie sich vor, Sie wären in derselben Situation.

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  • Schlagworte Hamas | UN | Amos Oz | Besatzung | Gewalt | Islam
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