Wir beuten uns selbst aus
Frauenrecht und Widerstand: Ein Gespräch mit der palästinensischen Schriftstellerin Sahar Khalifa
die zeit: In Ihrem neuen Buch Das Erbe beschreiben Sie die Lage in den besetzten Gebieten nach den Osloer Friedensverträgen. Die Situation der Palästinenser erscheint als bedrückend und ohne Perspektiven. Würden Sie die neue Intifada als die logische Konsequenz der durch die Osloer Verträge geschaffenen Situation ansehen?
Sahar Khalifa: Einige Leute haben die Osloer Verträge für die Lösung der Probleme gehalten. Aber das war ein Betrug. Im Buch wollte ich zeigen, wie sehr man versucht hat, eine Situation zu übertünchen, die doch tatsächlich überall spürbar war: Auf gesellschaftlicher Ebene ebenso wie für jeden Einzelnen, in der Auseinandersetzung mit den Siedlern und den Israelis allgemein. Es wurde behauptet, man gäbe uns die Autonomie, aber dann haben sie überall Straßensperren errichtet. Das Buch handelt von diesen Spannungen.
Es musste zur Explosion kommen, weil die Osloer Verträge nicht auf soliden, der wirklichen Situation entsprechenden Grundlagen beruhen und nicht klar formuliert waren.
zeit: Amos Oz sagte in Tübingen neulich, dass die beiden Völker, das israelische und das palästinensische, erstmals in der Geschichte reifer sind als ihre Führer und den Frieden wollen. Der israelische Schriftsteller Sami Michael behauptete kürzlich gegenüber dieser Zeitung genau das Gegenteil. Wie stellt sich das für Sie als Palästinenserin dar?
Khalifa: Es stimmt für die Israelis, jetzt, wo dort die Friedensbewegung wieder auflebt. Die Israelis sind tatsächlich weiter als ihre Regierung. Aber auch die Palästinenser sind derzeit ihren Führern voraus, jedoch in einer ganz anderen Weise: Die Palästinenser kämpfen endlich gegen die Besatzung, während die Autonomiebehörde - auf westlichen Druck, versteht sich - sagt, wir sollen aufhören mit dem, was sie "Gewalt" nennen. Doch das wäre ein Rückschritt. Man kann die Besatzung nicht beenden, indem man jahrelang, ja über mehrere Generationen hinweg einfach nur dasitzt und redet und redet und redet, ohne dass etwas dabei herauskommt. Das ist einfach nur dumm. Wir haben es versucht, es hat nicht funktioniert. Jetzt wollen wir kämpfen, und darin sind wir unseren politischen Führern voraus. Fragen sie irgendeinen Palästinenser, ob die Intifada gestoppt werden soll: Die Antwort wird nein sein, es sei denn, die Besatzung endet. Nur unter den Führern finden sich solche, die sagen, lasst uns an den Verhandlungstisch zurückkehren. Aber es ist Unsinn, weil es nicht funktioniert, wie wir alle gesehen haben.
zeit: Gewalt also als einziger Ausweg?
Khalifa: Handelt es sich wirklich um Gewalt? Können wir nicht sagen, es ist ein Befreiungskampf? Stellen Sie sich vor, Sie wären in derselben Situation.
Was würden Sie tun? Generationenlang dasitzen und verhandeln? Das hätten die Israelis gerne, es ist Teil ihres Plan. Wissen Sie, was Scharon damals in Madrid gesagt hat? Er wäre bereit, über Jahre mit den Palästinensern an einem Tisch zu sitzen, selbst wenn nichts dabei herauskommt. Und währenddessen bauen sie Siedlungen. Sind wir denn dumm? Jeder, der unter einer Besatzung lebt, muss kämpfen. Auch wir Frauen müssen kämpfen. Man bekommt seine Freiheit nicht umsonst. Egal, ob es sich um Besatzer oder um männliche Ausbeuter handelt: Sie geben einem nichts freiwillig, man muss es sich nehmen.
zeit: Wie kämpft man in Palästina für Frauenrechte?
Khalifa: Auf verschiedenen Ebenen. Die gebildeten Frauen tun es mit dem Kopf.
Man muss sich zusammenschließen und die Frauen erst einmal ausbilden, um ihnen unsere Ideen nahe zu bringen. Das tun wir in unserem Frauenzentrum in Nablus. Als ich vor 20 Jahren begann, über Frauenrechte zu reden, wurde ich als Männerhasserin bezeichnet, als eine weibliche Chauvinistin, die ihre emotionalen und sexuellen Probleme auf die Männer projiziert, diese engelhaften Wesen (lacht). Aber jetzt gibt es Tausende von Frauen, die in diesen Fragen wie ich denken. Und nicht nur in Palästina, sondern überall in der arabischen Welt.
zeit: Neben der progressiven Entwicklung, die Sie gerade beschrieben haben, gibt es aber auch ein Erstarken eines rückwärtsgewandten religiösen Fundamentalismus. Können Sie diese entgegengesetzten Tendenzen erklären?
Khalifa: Richtig, es gibt zwei widerstreitende Entwicklungen. Aber dasselbe gibt es auch im Westen, ob Sie es glauben oder nicht. Bin Laden ist zu einem beträchtlichen Teil ein amerikanisches Produkt. Und die Israelis haben die Hamas großgemacht. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als in den achtziger Jahren die israelische Verwaltung fundamentalistische Lehrer eingestellt hat, um die Gefahr, die von den linken Strömungen in der palästinensischen Gesellschaft ausging, zu bannen. Sie haben nicht gesehen, dass sie damit eine Gruppe schaffen, die sie nachher noch stärker bekämpft.
Der Konflikt, den Sie erwähnen, trägt auch der Westen mit sich selbst aus. Er fördert die fortschrittlichen Kräfte in der arabischen Welt nicht konsequent genug. Immer wenn der Westen zwischen uns und den Fundamentalisten wählen muss, gerät er in diesen Zwiespalt. Ich soll erklären, warum die Fundamentalisten Zulauf haben. Aber erklären Sie mir doch, warum der Westen ein rückschrittliches System wie Saudi-Arabien unterstützt. Und dann wollen Sie immer jemanden wie mich einladen zu Ihren ewigen Konferenzen mit dem Thema: "Frauen und Islam", "Islam und Menschenrechte", immer Islam, Islam, Islam. Es ist wirklich erniedrigend, dass der Westen glaubt, er kommt mit diesem Spiel durch. Aber ich habe auch meinen Kopf, ich sage nein zu solchen Einladungen. Mein Konflikt mit dem Islam ist mein Konflikt, er geht Sie nichts an. Wenn sich der Westen für Menschenrechte interessiert, soll er sie nicht nur fordern, wenn es um Frauen und den Islam geht, sondern auf allen Ebenen: bei den Rechten der Palästinenser, aber auch der anderen Araber, die unter repressiven Regimen leben, die vom Westen unterstützt werden. Wenn sich der Westen wirklich für meine Menschenrechte interessiert, dann soll er mir erlauben, meinen Fall vor die UN zu bringen, ohne jedesmal sein Veto einzulegen.
zeit: Haben Sie nicht Angst davor, dass der palästinensische Widerstand immer mehr zu einem islamistischen Widerstand wird und dadurch die fundamentalistischen Tendenzen in der Gesellschaft gestärkt werden?
Khalifa: Natürlich habe ich Angst davor. Aber wenn man sieht, in welcher Situation wir uns befinden, und bedenkt, dass die Lösung, die uns die Autonomiebehörde schmackhaft machen wollte, katastrophal war, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn man durcheinander gerät und nicht mehr weiß, zu wem man halten soll. Die Islamisten haben sich gewehrt und der Besatzung schmerzhafte Schläge zugefügt, während die Autonomiebehörde tatenlos zusah, wie die Israelis uns schikanierten. Ich bin Feministin. Zwischen mir und den Islamisten gibt es eigentlich nur Streit. Aber zur selben Zeit gibt es einen Konflikt zwischen mir und den Israelis. Wenn jemand bei einer Widerstandsaktion umkommt, und sei er ein Fundamentalist, kann ich nicht anders, als mit ihm zu sympathisieren, denn er hat den Tod gewählt, um uns von den Israelis zu befreien. Zur gleichen Zeit aber habe ich Angst, denn wenn es viele solcher Aktionen gibt und der Einfluss dieser Kreise wächst, gerät die Gesellschaft in ihren Sog, und dann haben wir auf einmal eine traditionelle islamische Gesellschaft, die wir gar nicht wollen. Wir wollen eine Zivilgesellschaft. Doch wenn sie die Besatzungssoldaten angreifen, kann ich ihnen meine Sympathie nicht verweigern.
zeit: Es gibt seit dem 11. September eine heftige Diskussion über die Selbstmordanschläge. Wie stehen Sie dazu?
Khalifa: Der Kampf gegen eine Besatzung ist überall auf der Welt als legitim anerkannt. Ich gehöre freilich zu denen, die gegen Angriffe auf Zivilisten sind. Aber der Kampf gegen Soldaten ist legitim. Wer sagt, dass der bewaffnete Kampf Terrorismus ist, wie die Amerikaner, redet puren Blödsinn.
Wir werden den Widerstand fortsetzen und weiter Aktionen gegen Besatzungssoldaten durchführen. Mittlerweile gibt es in der palästinensischen Widerstandsbewegung ein Bewusstsein dafür, dass Aktionen gegen Zivilisten auf Ablehnung stoßen, auch bei den Palästinensern. Man hat gründlich darüber nachgedacht, es gab zahlreiche Diskussionen, und schließlich ist man zur Überzeugung gelangt, dass Aktionen gegen Zivilisten Fehler sind. Und wir haben gesehen, dass in den letzten zwei Monaten fast alle Aktionen gegen das Militär oder die Siedler gerichtet waren.
zeit: Es gibt in Ihrem Buch die Figur der Nahla, die in Kuwait als Lehrerin arbeitet, um die Ausbildung ihrer Brüder zu finanzieren. Sie verzichtet auf ihr eigenes Leben, um sich für ihre Familie aufzuopfern. Als sie nach der irakischen Invasion heimkehrt und sich verliebt, wird sie von ihren Brüdern geächtet. Sie zeichnen kein sehr positives Bild von der palästinensischen Gesellschaft.
Khalifa: In der arabischen Welt gibt es 600 000 Nahlas, die sich für ihre Familie aufopfern und ausgenutzt werden. Dieses Problem wurde in der arabischen Literatur nie zuvor behandelt. Es gibt Dinge, über die man in der arabischen Welt nicht sprechen darf, und dazu zählt die Ausbeutung in der Familie. Allzu gerne erinnern wir uns daran, wie der Kolonialismus uns ausgenutzt hat. Aber wie sehr beuten wir uns erst selbst aus! Letztlich schwächen wir uns dadurch nur. Wir wollen ja nicht nur von den Menschenrechten der Palästinenser gegenüber dem Westen oder den Israelis sprechen, wir müssen sie auch in unserer eigenen Gesellschaft diskutieren. Es gibt Leute, die sagen, wenn du uns kritisierst, spottet der Westen nachher über uns, aber das ist Quatsch, Selbstkritik ist eine Quelle der Kraft. Es ist unmöglich, etwas zu verändern ohne schonungslose Aufklärung, und was die anderen denken, sollte uns egal sein, es geht um uns. Solange wir unseren eigenen Dreck nur unter den Teppich kehren, wird nie etwas aus uns werden.
zeit: In der israelischen Armee dienen zahlreiche Soldatinnen. Spielt die palästinensische Frau in der Intifada überhaupt keine Rolle?
Khalifa: In dieser Intifada ist die Rolle der Frauen deutlich geringer als in der ersten Intifada in den achtziger Jahren. Besonders weil die Intifada jetzt mit Waffen und Gewalt geführt wird. Deswegen sind die Frauen dafür nicht recht geeignet. Vorher bestand die Intifada aus zivilem Protest, sie wurde mit Steinen geführt. Jetzt sprechen die Waffen, es gibt wirklich fürchterliche Aktionen. Das ist nichts für die Frauen. Diesmal ist die Rolle der Frauen auf Hilfsleistungen beschränkt.
zeit: Haben die Frauen in der Intifada überhaupt eine Stimme?
Khalifa: Die Frage ist gut! Wo hat die Frau bei uns überhaupt eine Stimme? In der Regierung? In den Parteien? Nirgendwo hat sie wirklich eine Stimme.
zeit: Ist der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern auch ein Konflikt zwischen West und Ost?
Khalifa: Es ist ein Konflikt zwischen Besatzern und ihren Opfern, sonst nichts.
Das Gespräch führte Stefan Weidner
- Datum 28.02.2002 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10/2002
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