Was würden Sie tun? Generationenlang dasitzen und verhandeln? Das hätten die Israelis gerne, es ist Teil ihres Plan. Wissen Sie, was Scharon damals in Madrid gesagt hat? Er wäre bereit, über Jahre mit den Palästinensern an einem Tisch zu sitzen, selbst wenn nichts dabei herauskommt. Und währenddessen bauen sie Siedlungen. Sind wir denn dumm? Jeder, der unter einer Besatzung lebt, muss kämpfen. Auch wir Frauen müssen kämpfen. Man bekommt seine Freiheit nicht umsonst. Egal, ob es sich um Besatzer oder um männliche Ausbeuter handelt: Sie geben einem nichts freiwillig, man muss es sich nehmen.

zeit: Wie kämpft man in Palästina für Frauenrechte?

Khalifa: Auf verschiedenen Ebenen. Die gebildeten Frauen tun es mit dem Kopf.

Man muss sich zusammenschließen und die Frauen erst einmal ausbilden, um ihnen unsere Ideen nahe zu bringen. Das tun wir in unserem Frauenzentrum in Nablus. Als ich vor 20 Jahren begann, über Frauenrechte zu reden, wurde ich als Männerhasserin bezeichnet, als eine weibliche Chauvinistin, die ihre emotionalen und sexuellen Probleme auf die Männer projiziert, diese engelhaften Wesen (lacht). Aber jetzt gibt es Tausende von Frauen, die in diesen Fragen wie ich denken. Und nicht nur in Palästina, sondern überall in der arabischen Welt.

zeit: Neben der progressiven Entwicklung, die Sie gerade beschrieben haben, gibt es aber auch ein Erstarken eines rückwärtsgewandten religiösen Fundamentalismus. Können Sie diese entgegengesetzten Tendenzen erklären?

Khalifa: Richtig, es gibt zwei widerstreitende Entwicklungen. Aber dasselbe gibt es auch im Westen, ob Sie es glauben oder nicht. Bin Laden ist zu einem beträchtlichen Teil ein amerikanisches Produkt. Und die Israelis haben die Hamas großgemacht. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als in den achtziger Jahren die israelische Verwaltung fundamentalistische Lehrer eingestellt hat, um die Gefahr, die von den linken Strömungen in der palästinensischen Gesellschaft ausging, zu bannen. Sie haben nicht gesehen, dass sie damit eine Gruppe schaffen, die sie nachher noch stärker bekämpft.

Der Konflikt, den Sie erwähnen, trägt auch der Westen mit sich selbst aus. Er fördert die fortschrittlichen Kräfte in der arabischen Welt nicht konsequent genug. Immer wenn der Westen zwischen uns und den Fundamentalisten wählen muss, gerät er in diesen Zwiespalt. Ich soll erklären, warum die Fundamentalisten Zulauf haben. Aber erklären Sie mir doch, warum der Westen ein rückschrittliches System wie Saudi-Arabien unterstützt. Und dann wollen Sie immer jemanden wie mich einladen zu Ihren ewigen Konferenzen mit dem Thema: "Frauen und Islam", "Islam und Menschenrechte", immer Islam, Islam, Islam. Es ist wirklich erniedrigend, dass der Westen glaubt, er kommt mit diesem Spiel durch. Aber ich habe auch meinen Kopf, ich sage nein zu solchen Einladungen. Mein Konflikt mit dem Islam ist mein Konflikt, er geht Sie nichts an. Wenn sich der Westen für Menschenrechte interessiert, soll er sie nicht nur fordern, wenn es um Frauen und den Islam geht, sondern auf allen Ebenen: bei den Rechten der Palästinenser, aber auch der anderen Araber, die unter repressiven Regimen leben, die vom Westen unterstützt werden. Wenn sich der Westen wirklich für meine Menschenrechte interessiert, dann soll er mir erlauben, meinen Fall vor die UN zu bringen, ohne jedesmal sein Veto einzulegen.