zeit: Haben Sie nicht Angst davor, dass der palästinensische Widerstand immer mehr zu einem islamistischen Widerstand wird und dadurch die fundamentalistischen Tendenzen in der Gesellschaft gestärkt werden?

Khalifa: Natürlich habe ich Angst davor. Aber wenn man sieht, in welcher Situation wir uns befinden, und bedenkt, dass die Lösung, die uns die Autonomiebehörde schmackhaft machen wollte, katastrophal war, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn man durcheinander gerät und nicht mehr weiß, zu wem man halten soll. Die Islamisten haben sich gewehrt und der Besatzung schmerzhafte Schläge zugefügt, während die Autonomiebehörde tatenlos zusah, wie die Israelis uns schikanierten. Ich bin Feministin. Zwischen mir und den Islamisten gibt es eigentlich nur Streit. Aber zur selben Zeit gibt es einen Konflikt zwischen mir und den Israelis. Wenn jemand bei einer Widerstandsaktion umkommt, und sei er ein Fundamentalist, kann ich nicht anders, als mit ihm zu sympathisieren, denn er hat den Tod gewählt, um uns von den Israelis zu befreien. Zur gleichen Zeit aber habe ich Angst, denn wenn es viele solcher Aktionen gibt und der Einfluss dieser Kreise wächst, gerät die Gesellschaft in ihren Sog, und dann haben wir auf einmal eine traditionelle islamische Gesellschaft, die wir gar nicht wollen. Wir wollen eine Zivilgesellschaft. Doch wenn sie die Besatzungssoldaten angreifen, kann ich ihnen meine Sympathie nicht verweigern.

zeit: Es gibt seit dem 11. September eine heftige Diskussion über die Selbstmordanschläge. Wie stehen Sie dazu?

Khalifa: Der Kampf gegen eine Besatzung ist überall auf der Welt als legitim anerkannt. Ich gehöre freilich zu denen, die gegen Angriffe auf Zivilisten sind. Aber der Kampf gegen Soldaten ist legitim. Wer sagt, dass der bewaffnete Kampf Terrorismus ist, wie die Amerikaner, redet puren Blödsinn.

Wir werden den Widerstand fortsetzen und weiter Aktionen gegen Besatzungssoldaten durchführen. Mittlerweile gibt es in der palästinensischen Widerstandsbewegung ein Bewusstsein dafür, dass Aktionen gegen Zivilisten auf Ablehnung stoßen, auch bei den Palästinensern. Man hat gründlich darüber nachgedacht, es gab zahlreiche Diskussionen, und schließlich ist man zur Überzeugung gelangt, dass Aktionen gegen Zivilisten Fehler sind. Und wir haben gesehen, dass in den letzten zwei Monaten fast alle Aktionen gegen das Militär oder die Siedler gerichtet waren.

zeit: Es gibt in Ihrem Buch die Figur der Nahla, die in Kuwait als Lehrerin arbeitet, um die Ausbildung ihrer Brüder zu finanzieren. Sie verzichtet auf ihr eigenes Leben, um sich für ihre Familie aufzuopfern. Als sie nach der irakischen Invasion heimkehrt und sich verliebt, wird sie von ihren Brüdern geächtet. Sie zeichnen kein sehr positives Bild von der palästinensischen Gesellschaft.

Khalifa: In der arabischen Welt gibt es 600 000 Nahlas, die sich für ihre Familie aufopfern und ausgenutzt werden. Dieses Problem wurde in der arabischen Literatur nie zuvor behandelt. Es gibt Dinge, über die man in der arabischen Welt nicht sprechen darf, und dazu zählt die Ausbeutung in der Familie. Allzu gerne erinnern wir uns daran, wie der Kolonialismus uns ausgenutzt hat. Aber wie sehr beuten wir uns erst selbst aus! Letztlich schwächen wir uns dadurch nur. Wir wollen ja nicht nur von den Menschenrechten der Palästinenser gegenüber dem Westen oder den Israelis sprechen, wir müssen sie auch in unserer eigenen Gesellschaft diskutieren. Es gibt Leute, die sagen, wenn du uns kritisierst, spottet der Westen nachher über uns, aber das ist Quatsch, Selbstkritik ist eine Quelle der Kraft. Es ist unmöglich, etwas zu verändern ohne schonungslose Aufklärung, und was die anderen denken, sollte uns egal sein, es geht um uns. Solange wir unseren eigenen Dreck nur unter den Teppich kehren, wird nie etwas aus uns werden.