die zeit: Herr Bundeskanzler, seit diesem Donnerstag hat Europa eine verfassunggebende Versammlung. Aber ist die EU politisch in guter Verfassung?

Gerhard Schröder: Ich wünschte, Europa wäre schon weiter.

zeit: Auf welchem Weg weiter?

Schröder: Europa hat zwei große Aufgaben vor sich - die Erweiterung und die Vertiefung. Beides hat miteinander zu tun, denn es geht um die entscheidende Frage: Wie lässt sich das erweiterte Europa politisch führen? Der Konvent hat die Aufgabe, dafür Antworten zu finden. Wir brauchen Ideen für eine starke, effiziente Exekutive. Deshalb soll der Konvent erstens Vorschläge machen, wie die Kommission künftig aussehen soll. Denn wenn wir in der EU 25 Mitglieder sind, vielleicht eines Tages sogar 27, kann nicht jedes Land wie bisher einen Kommissar bestellen.

Zweitens muss der Konvent sich überlegen, wie eine starke Kommission besser vom Parlament kontrolliert werden kann. Und drittens sollte geklärt werden, was Sache Europas ist und was Angelegenheit eines jeden Nationalstaats bleibt.

zeit: Der Konvent war noch nicht zusammengetreten, da haben Sie Anfang dieser Woche gemeinsam mit dem britischen Premier Tony Blair Vorschläge für einen starken Rat, also für ein mächtiges Gremium der europäischen Regierungschefs unterbreitet. Mehr nationalstaatliche Mitsprache, weniger Brüssel - ist das der Weg, den sie dem Konvent weisen?

Schröder: Das ist Unsinn, ich halte überhaupt nichts davon, den Europäischen Rat gegen die Brüsseler Kommission und das Parlament und umgekehrt auszuspielen. Wenn der Konvent zu dem Ergebnis kommt, die Balance zwischen den verschiedenen europäischen Institutionen neu auszutarieren, dann werde ich mich dem nicht verschließen. Ich möchte, dass Europa funktioniert, dass die Institutionen gut arbeiten und klar voneinander abgegrenzte Kompetenzen haben. Tony Blair und ich haben uns deshalb vorgenommen, jenes Gremium, in dem wir beide tätig sind - und das ist nun einmal der Europäische Rat -, effektiver zu gestalten. Das richtet sich gegen niemanden.