H I S T O R I S C H Der wüste Königsmacher
Michael Kleeberg hat den "König von Korsika" nur geträumt
Ich bin Theodor; bin zum König von Korsika erwählt, bin ,Majestät' genannt worden; und gegenwärtig sagt man kaum ,gnädiger Herr' zu mir. Ich habe Münzen schlagen lassen, und jetzt besitze ich keinen roten Heller; ich habe zwei Staatssekretäre gehabt, und nun habe ich kaum noch einen Diener. Ich habe auf einem Thron gesessen und saß lange zu London im Gefängnis, auf Stroh."
So war das mit dem König von Korsika, in allerkürzesten Worten. Sie finden sich in Voltaires Candide, wo die historisch verbürgte Erhebung des westfälischen Barons Theodor Neuhoff (1694 bis 1756) in den Kreis der europäischen Monarchen erstmals an literarisch prominenter Stelle beleuchtet wurde. Mit einem satirischen Licht allerdings, sollte sein Beispiel doch neben anderen illustrieren, wie es mit den Königen allmählich bergab ging. Michael Kleeberg dagegen schlägt in seinem Roman Der König von Korsika einen völlig anderen Ton an, und seine Intentionen dabei sind weniger leicht herauszufinden. Zweifelsfrei ist allein, dass es sich um einen historischen Roman handelt, und zwar um ein ziemlich exzentrisches Beispiel der Gattung.
"Bei Gott, ich bin ein Thema, das mehr Interesse verdient als andere", fantasiert Baron Neuhoff im Vorspiel, welches für das erste und letzte Kapitel zugleich steht, da der Roman mit dem "vorletzten Kapitel" endet. Medizinisch betrachtet ist der Held an diesem Punkt der Handlung schon hinüber, doch da der Autor Anfang und Ende im hermetischen Zirkel verbindet, signalisiert er die Unerschöpflichkeit der Neuhoffschen Geschichte. Damit ist Überhöhung des Themas von vornherein eine ausgemachte, wenn auch zweischneidige Angelegenheit. Für sein Erzählprogramm verschafft sich Kleeberg so völlig freie Hand. Das Material stellt ihm sein Held zu Verfügung: das 18. Jahrhundert, die Zeit von Aufklärung und Umbruch. Dann die zahlreichen Stationen der Biografie von Neuhoff, das Versailles des Sonnenkönigs, die europäischen Metropolen, Korsika und schließlich ein Londoner Schuldgefängnis. Vor allem aber der schillernde Charakter dieses Königs für einen Sommer, der als Geheimdiplomat, Spion und Hochstapler so viele Siege wie Niederlagen erlebte.
Gut möglich, dass der Autor einen Geist porträtiert hat, dem er sich verwandt fühlt, zumindest einen, der ihm starke sympathetische Empfindungen entlockt. Kleeberg hat selbst etwas von einem Abenteurer, der sich oft mit Verve und hochgestimmtem Erzählton, mehr Hals über Kopf als mit abwägender Vernunft auf Figuren und historische Konstellationen einlässt. Das könnte erklären, was sonst unerklärlich und im Roman unbegründet bleibt: die ganz eminente Hochschätzung, die der Erzähler seinem Neuhoff entgegenbringt. Sie verrät sich im Wortschatz, in Vergleichen und Metaphern, die vorwiegend auf Überhöhung und Veredelung angelegt sind. Von Monstranzen und Tabernakeln ist fortwährend die Rede, wenn jemandem etwas lieb und teuer ist, Epiphanien begegnen am laufenden Band, und wenn Theodor das erste Mal onaniert, wird "das heilige Gefäß entkorkt". Nach Indizien für Ironie sucht man vergeblich, nach einer biografischen Begründung für solche sakralisierenden Verklärungen ebenfalls.
Derlei pretiös-ambitionierte Töne sind, wie sich schnell herausstellt, im Stilgestus des Romans angelegt. Kleeberg schwelgt in seinem Stoff. Noch mehr als um den Helden und seine Epoche geht es um das Feuerwerk der Beschreibungen, Metaphern, Aperçus, kurz: um die funkelnden Formulierungen, zu denen das Sujet den Autor anstachelt. Da mag es zur Not erlaubt sein, wenn der Erzähler sich vermittels der erlebten Rede mit seinem Helden identifiziert und im Überschwang dessen Format ins Übermenschliche steigert. Dann wäre dieser Roman eben das Ergebnis einer historisch-poetischen Leidenschaft seines Autors und damit eine interessante Rarität, ein köstliches Lesevergnügen, über das man sich freuen könnte.
Strumpfbänder als Wanten
Fatal ist nur, dass beim Feuerwerk der Formulierungen zu viele Fehlzündungen unterlaufen. Ein Grundproblem dieses mehr vom Eifer getriebenen als von der Inspiration getragenen Stils zeigt sich in der Szene von Theodors erstem Liebesabenteuer. "Die weißen, weich nachgiebigen Schenkel der Valentini waren umhüllt von der Gaze ihrer Strümpfe, die irgendwo unter dem Geraschel des Kleids abrupt endeten und an einem filigranen Tauwerk aufgehängt waren, miniaturisierten Wanten, die die Korsaren seiner Lust, das Messer zwischen den Zähnen, hinaufenterten." Strumpfbänder als Wanten, das ist kühn, aber die Miniaturisierung ist doch eher die Sache von Modellbauern, die unter raschelnden Röcken im Verein mit Korsaren ziemlich schief in den Seilen hängen. Umso mehr, wenn in dem erotischen Seestück ganz andersartige metaphorische Manöver folgen: "so daß ihre schweren Brüste wie spanische Galeonen in den Hafen seines Oberkörpers einliefen und direkt vor der Kaimauer seines Kinns andockten."
Kleeberg liebt solches Metapherngestöber offenbar über alles; dass sein Held dadurch manchmal regelrecht unsichtbar wird, scheint ihn wenig zu stören. Überhaupt deutelt und fabuliert er über dessen Kopf hinweg, was das Zeug hält. Das hat zur Folge, dass der Baron Neuhoff in dem ihm gewidmeten Roman zwar mit seiner Biografie den roten Erzählfaden liefert, jedoch kaum als anschauliche, lebensfähige Romanfigur Fülle und Kontur gewinnt. Er lässt den Leser kalt, vermag weder zu rühren noch in Bann zu schlagen und auch nicht immer zu interessieren. Meist erscheint er schemenhaft gespiegelt in abschweifenden Beschreibungen und Reflexionen, oder er huscht durch die aufwändig zusammengebastelten Szenenbilder hindurch wie ein Statist. Nur in der korsischen Episode gegen Ende des Romans gewinnt er größere Präsenz. Meist jedoch bleibt die Fokussierung unscharf. Kleeberg schwankt fortwährend zwischen der Attitüde eines Chronisten, der ganze Entwicklungslinien und Ereignisreihen zusammenfasst, und einem Hagiografen, der an der Legende seines Helden webt. Auch wird der historische Stoff wird weniger breit entfaltet, als zu erwarten wäre. Er erscheint vorwiegend in Namen und Stichworten.
Vor allem aber ist Kleebergs Erzählen ohne alle Leichtigkeit. Auch ohne jene Leichtigkeit, die sogar ein schwieriger Stil durch überzeugende, schlüssige Fügungen gewinnt. Bei ihm lasten die Metaphern, die geistreichen Eingebungen, die oftmals sentenziös festgeklopften Einsichten schwer auf dem Text. Eine höchst unaufgeräumte Syntax ist nahezu die Regel. Fast jeder Satz hebt an zu einem angestrengten Gipfelsturm der Bedeutsamkeit und des ambitiösen Stils. Da brennt eine Frage auf der Zunge "wie eine Aphthe"; da lebt ein Kind glücklich im "Lee" seiner Mutter; und Theodor "lebte auf dem Scharnier der Epochen". Solche Bilder können bestenfalls Ärzte, Segler und Schlosser erfreuen.
Einmal wird Theodor als "Sammler solcher lebender Bilder seines eigenen Lebens" bezeichnet. Das kann man als verborgenen Selbstkommentar des Autors lesen. Denn als postmoderner Erzähler ist er derjenige, der aus dem überbordenden Wissen und den beliebig verfügbaren formalen Möglichkeiten seine erzählerischen Bilder zu schaffen versucht.
In dieser Hinsicht mag es auch seine Richtigkeit haben, wenn der Held in den Hintergrund gerückt wird und der Autor dessen Leben in einem wilden, wüsten Traum nachträumt. Als Roman jedoch hat dieser Traum seine Form nicht gefunden.
Michael Kleeberg: Der König von Korsika Roman; Deutsche Verlagsanstalt, München/Stuttgart 2001; 380 S., 19,90 €
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