Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Josef Stalin zur Feder griff und seinen englischen, amerikanischen und französischen Mitstreitern in der zusehends zerbröckelnden "Anti-Hitler-Koalition" vorschlug, gemeinsam Frieden mit Deutschland zu machen. Und damit die Adressaten auch sahen, dass er es ernst meinte, gab er am 10. März 1952 gleich einen Entwurf über die Grundlagen eines solchen Friedensvertrages mit in die Post.

Seither herrscht Streit, vor allem in Deutschland. Obgleich die Bundesregierung nicht der Ansprechpartner Stalins war, sammelte Konrad Adenauer seine Truppen zum publizistisch-politischen Gegenangriff: Ein Trick, so Adenauer, sei das Ganze, eine langfristig angelegte Strategie, um die Westmächte aus Deutschland hinauszudrängen und dieses dann dem sowjetischen Herrschaftsbereich einzuverleiben. Andere, Jakob Kaiser oder Kurt Schumacher etwa, waren vorsichtiger, empfahlen den Westmächten, die sowjetische Position auszuloten. Jahre später gingen Publizisten und Politiker wie Paul Sethe, Thomas Dehler oder Gustav Heinemann noch weiter und warfen Adenauer vor, eine, wenn nicht die Chance zur Wiedervereinigung verspielt zu haben.

Immerhin hatte Stalin vorgeschlagen, Deutschland als "einheitlichen Staat" wiederherzustellen, und sogar davon gesprochen, dass dieser zur Selbstverteidigung in der Lage sein solle - vorausgesetzt, Deutschland verzichte auf die Gebiete östlich von Oder und Neiße und trete keinem militärischen Bündnis bei, das sich gegen einen der vormaligen Kriegsgegner richte. Dass die Sache im Verlaufe des Spätsommers im Sande verlief, lag weniger an den deutschen Vorbehalten als vielmehr am Desinteresse der westlichen Adressaten.

Pünktlich zum 50. Jahrestag geht die Kontroverse über Stalins Absichten in eine neue Runde. Mit Wilfried Loth, Hermann Graml und Gerhard Wettig melden sich erneut drei Historiker zu Wort, die in den jahrzehntelangen historischen Fachdebatten neue Akzente gesetzt haben. Überraschungen wird man von dem Band nicht erwarten dürfen, auch nicht von den erstmals in deutscher Sprache vorgelegten Dokumenten, die Loth unter anderem im Archiv des Außenministeriums der Russischen Föderation gesichtet hat. Interessant ist immerhin zu beobachten, dass der alte Diktator bei einigen Formulierungen gegenüber der Amtsbürokratie den Kürzeren zog.

Loth selbst ist mehr denn je davon überzeugt, dass Stalin die DDR loswerden wollte, und daher "große Mühe" darauf verwandte, seinen Vorschlag "so zu präsentieren, daß die westalliierten Regierungen ihn nicht ablehnen konnten": Kein Zweifel, Stalin meinte es ernst. Ganz anders liest Graml die Dokumente. Er findet "hier eindeutige Beweise", dass die Note "lediglich als ein begrenztes Unternehmen im Propaganda-Krieg zwischen Ost und West gedacht", also taktischer Natur war. So sieht es auch Wettig, allerdings mit einer anderen Begründung: Wie in seiner 1999 erschienenen Monografie zum Thema findet er sich einmal mehr darin bestätigt, dass Stalin sich mit der Einbeziehung der Bundesrepublik ins westliche Lager abgefunden und mit seiner Initiative versucht habe, die "westdeutsche Öffentlichkeit" von der Ernsthaftigkeit seines Vorschlages zu überzeugen und diese damit gegen die "Adenauer-Regierung" in Stellung zu bringen.

Da wird sich mancher Leser erstaunt die Augen reiben: Sollte es möglich sein, dass drei Kenner nach Auswertung derselben Quellen wieder bei jenen gegensätzlichen Positionen ankommen, von denen aus sie ihr Interpretationsgeschäft begonnen haben? Und noch eins fällt auf: Die Welt außerhalb Deutschlands kommt in dieser Debatte nicht vor; der Korea- und der Vietnamkrieg spielen in den Betrachtungen keine Rolle, die Entwicklungen in China und die Einbeziehung Japans in das westliche Verteidigungssystem auch nicht. Schwer zu glauben, dass Stalin seine deutschlandpolitischen Initiativen unabhängig von diesen für die Sowjetunion hoch dramatischen Entwicklungen unternommen hat. Sollte dem aber so gewesen sein, hätte der Leser gern gewusst, wie sich diese überraschende Verengung im strategischen Denken des geschichtsbewussten sowjetischen Diktators erklärt. Aber vielleicht sind diese Fragen der nächsten Runde vorbehalten. Für ein weiteres halbes Jahrhundert historischer Fachkontroverse sind Stalins Noten allemal gut genug.

Die Stalin-Note vom 10. März 1952 Neue Quellen und Analysen; mit Beiträgen von Wilfried Loth, Hermann Graml und Gerhard Wettig; hrsg. von Jürgen Zarusky; R. Oldenbourg Verlag, München 2002; 212 S., 24,80 €