Kampfrichter des Kapitalmarkts
Sie durchforsten Bilanzen und benoten Unternehmen - was Investoren über Rating-Agenturen wissen sollten
Buchstaben sind alles: AA, Baa und CC gehören zum Geheimcode des Anleihemarktes. Sie kennzeichnen die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens wie Zeugnisnoten die Leistung eines Schülers. Investoren vertrauen auf die Buchstabenkürzel, die Rating-Agenturen vergeben. Denn ob DaimlerChrysler kreditwürdiger ist als Siemens oder der Versicherungskonzern Allianz, lässt sich ohne intime Kenntnisse des Unternehmens und seiner Finanzlage kaum beurteilen.
Je besser die Einstufung ausfällt (siehe Grafik), desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Unternehmen Pleite geht und seine Schulden nicht bezahlen kann. Unternehmen mit einem guten Rating können es sich daher leisten, Anleihen mit vergleichsweise niedrigen Zinsen anzubieten.
Über das Rating entscheiden vor allem zwei Agenturen aus den USA, die den internationalen Kapitalmarkt dominieren: Moody's und Standard & Poor's (S & P). Wer sich von ihnen eine Note verpassen lassen möchte, muss zahlen: Rund 50 000 Euro kostet das erste Rating, und jedes Jahr werden weitere 30 000 Euro fällig, damit die Bonitätsprüfung immer auf dem aktuellen Stand ist. Für diese Summe lassen Unternehmen die Rating-Agenturen tief in ihre Bilanz blicken.
Firmen, die sich neues Geld über die Herausgabe von Anleihen besorgen wollen, lassen sich meist von beiden Rating-Agenturen bewerten - das macht bei Investoren einen guten Eindruck. Ganz ohne Rating funktioniert fast gar nichts mehr. Verwalter von Investmentfonds und Versicherungen meiden nichteingestufte Papiere, um sich selbst abzusichern. Auch lassen sie meist die Finger von spekulativen Papieren, die in der Branche mit den Wörtern "hoch rentierlich" umschrieben werden. Eine andere Bezeichnung für sie ist "Schrottanleihe".
Zu solch spekulativen Anleihen gehören Papiere mit einem Rating von Ba (Moody's) beziehungsweise BB (S & P) oder schlechter. Diesen Unternehmen unterstellen die Agenturen höchstens eine verminderte Zahlungsfähigkeit. Um unter diesen Bedingungen überhaupt noch Geldgeber zu finden, müssen die Unternehmen besonders hohe Zinsen bieten. Deswegen liegt die durchschnittliche Rendite der Schrottanleihen derzeit auch bei mehr als zehn Prozent. Anleihen, die nicht als spekulativ gelten, bieten gerade mal sechs bis sieben Prozent.
Selbst Höchstnoten der Rating-Agenturen schützen nicht vor bösen Überraschungen. Zwar ist die Ausfallwahrscheinlichkeit eines mit Aa eingestuften Unternehmens deutlich niedriger als eines B-Kandidaten. Dennoch geriet nach Angaben von Moody's in den vergangenen zehn Jahren knapp ein Prozent der Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten, die ursprünglich eine Bestnote bekommen hatten. Bei Firmen mit einem B-Rating konnte fast die Hälfte ihre Schulden nicht pünktlich zurückzahlen.
Manchmal liegen die Agenturen mit ihren Urteilen sogar völlig daneben. In der Asienkrise 1997 oder beim Zusammenbruch der kalifornischen Stromgesellschaft Pacific Gas and Electric im Jahr 2000 merkten sie erst sehr spät, was auf die Unternehmen zukam. Auch bei der Pleite des amerikanischen Energiehändlers Enron vergangenen November änderten Moody's und Standard & Poor's ihre Ratings erst wenige Tage vor dem Konkurs - und kennzeichneten Enron-Anleihen als spekulatives Papier.
- Datum 07.03.2002 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11/2002
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren