Pop Klingt gar nicht so nach Computer

The Notwist – eine Rockband aus Oberbayern erobert Europa

Alle jubeln jetzt über The Notwist. Das neue Album entzückt die Kritiker von Spex bis taz, von Welt bis FAZ, von Playboy bis Brigitte. Auch das Publikum zieht mit: Neon Golden, Mitte Januar erschienen, zählt zu den meistverkauften CDs im Lande.

Auf der glutroten und ziemlich verrückten Website www.notwist.com wächst von Tag zu Tag das virtuelle Gästebuch. "Wenn es noch Kunst in Deutschland gibt, die eine Zukunft hat, dann ist sie hier", schreibt ein Robert. "When are you coming to Los Angeles?", fleht Jennifer aus Amerika. Und Anja berichtet von der Saunapause, in der sie die CD erstmals in ihren Discman steckte: "Mich überkam ein solches Gefühl, dass ich in Tränen ausbrach."

Wer Seite um Seite derlei Sätze liest, spürt etwas von der Kraft populärer Musik: wie ein Konsumgut von einem Tag auf den anderen in das Sehnen, in die Seelen einfährt.

Neon Golden, das sind in erster Linie zehn zur Gitarre gesungene Lieder von Liebe, Schwermut und Einsamkeit. Die englischen Texte sind so poetisch wie undurchdringlich

einzelne Zeilen setzen sich sofort im Gedächtnis fest: You're the colour, you're the movement and the spin ...

Bass und Schlagzeug laden die Balladen in zweiter Linie zum glänzenden Popsong auf. In dritter Linie bekommt die Oberfläche Tiefe: Aus unteren Schichten tönen Klavier und Banjo, Cello und Kontrabass, Klarinette und Saxofone sowie synthetische Rhythmen, die an Drum and Bass erinnern oder an jamaikanischen Dub - zum Teil in jener extremen Stereo-Ästhetik, wie die Beatles sie einst erprobten.

Und dann, viertens, wird das alles elektronisch infrage gestellt. In die Musik schleicht sich ein feines Reiben, ein Schaben, ein Kratzen, als gälte es, jede Glätte zu tilgen. Es wird gesampelt und geknistert, geloopt und gehäckselt - wobei die Technik nie zum Mätzchen wird, sondern stets im Dienste der Verführung steht.

Die Vergangenheit, die Gegenwart und eine mögliche Zukunft des Popsongs begegnen einander 42 Minuten lang - und wir dürfen dabei sein.

Neon Golden, das auch in seinem Titel und auf seinem Cover das technisch Flüchtige mit dem romantisch Ewigen verbindet, markiert einen Höhepunkt deutscher Popmusik. Im Ausland trifft es auf offene Ohren. Wo immer The Notwist auf ihrer gerade laufenden Europatournee spielen - ein volles Haus ist ihnen gewiss. In Wien drängelten sich 700 Leute im Club und noch mal so viele draußen vor der Tür

in Paris gingen schon im Vorverkauf alle Karten weg. Das ist umso bemerkenswerter, als diese Gruppe nicht aus Berlin, Hamburg, Köln oder Frankfurt kommt, sondern aus einer oberbayerischen Kleinstadt.

Weilheim liegt 50 Kilometer südlich von München, weder am Starnberger See noch am Ammersee: gar nicht am See. So gibt es auch keinen stimmungsvollen Uferweg, sondern nur eine Fußgängerzone durch das Spalier der handelsüblichen Filialisten

als besonders kann hier allein die Langeweile gelten.

Die letzte Neuerung, die Weilheim überregional ins Gespräch brachte, war "die erste Netzgruppe mit verdecktem Kennzahlensystem und automatischer Erfassung der Ferngesprächsgebühren", die am 16. Mai 1923 das Selbstwählen nach Polling und Huglfing ermöglichte, später auch nach Murnau, Kohlgrub und Obersöchering. An diesen Einschnitt erinnert eine Tafel am Telekomgebäude.

Ein Kellerloch im Pfadfinderheim

Aber gerade die Abwesenheit von Zerstreuungsmöglichkeiten kann ja der Kreativität den Boden bereiten. So war es in Weilheim in den achtziger Jahren. Alle, die jung waren und ein Interesse an Musik hatten, kannten sich, denn sie fuhren immer wieder gemeinsam ein, zwei Stunden über Land, um Konzerte zu besuchen, die es daheim nicht gab.

Was es in Weilheim gab, war ein Pfadfinderheim, und auch dort trafen sich alle, die was anderes hören und leben wollten. Hier hatten The Notwist bis vor wenigen Jahren noch ihren Übungsraum, ein Kellerloch, das die Kälte nicht draußen hielt und die Lautstärke nicht drinnen, weshalb es immer wieder Ärger mit den leidgeprüften Nachbarn und der christlich-sozialen Obrigkeit gab.

"The Notwist entstanden infolge der Sonnenwendsession bei Roli Seidel am 20.

11. 86 und hatten als (ungeplante) Vorgruppe von ,Mengele operiert wieder' und den ,Gatecrashers' in Pürgen ihren ersten Auftritt" - so ist es in der Chronik des Weilheimer Undergrounds dokumentiert. Nicht festgehalten ist, wie lange die drei Gründungsmitglieder den Stimmbruch schon hinter sich hatten.

Micha Acher, Jahrgang 1971, war der Jüngste und gerade erst 15.

Bis hierhin ist es eine Geschichte, wie sie sich zu jener Zeit vielerorts in der Provinz zutragen konnte. Meistens ging sie dann so weiter: Schulabschluss, Studienbeginn, Wegziehen in die Großstadt, Ende der Band.

Oder Lehre, Dableiben, Heiraten, Kinderkriegen, Ende der Band.

In Weilheim vervielfältigten sich die Bands. Um das Notwist-Trio aus dem Gitarristen und Sänger Markus Acher, seinem Bruder und Bassisten Micha und dem Schlagzeuger Martin Messerschmid entstand eine Szene aus ambitionierten und fähigen Musikern. 30 Leute waren es zu ihren besten Zeiten (in einer Stadt mit 20 000 Einwohnern!). In wechselnden Kombinationen betrieben sie eine unüberschaubare Zahl von Gruppen und brachten ihre Platten auf drei am Ort entstandenen Labels heraus. Wenn mal wieder ein neues Werk fertig war, wurde die ganze Verwandtschaft eingespannt, am Wochenende mit Schere, Papier und Klebstoff Plattenhüllen zu basteln. Witze kursierten: Was machen drei Weilheimer, wenn sie sich treffen? Gründen eine Band.

Sie drehten auch verwackelte Super-8-Filme in der Fußgängerzone und Splatter-Videos in der nahen Kiesgrube (Regie und Ketchup: Anton Kaun). Sie stampften im benachbarten Wilzhofen das Uphon-Tonstudio aus dem Boden (am Mischpult von Neon Golden: Mario Thaler). Sie erfanden eine Kulturzeitschrift, die sie Antihund nannten und von der kürzlich die dritte, verwirrende Ausgabe erschienen ist (zu beziehen über: www.ventil-verlag.de).

Im Zentrum des Schaffensdranges stehen bis heute die beiden Acher-Brüder, auch wenn sie inzwischen nicht mehr am Ort wohnen. Ihre extreme Musikalität gilt als letzter Grund für das Wunder von Weilheim. Markus schreibt die Texte, die er singt, spielt Gitarre, Schlagzeug, Klavier und beschäftigt sich letzthin viel mit Elektronik. Micha ist studierter Trompeter, Bassist und arrangiert alle Streicher und Bläser. Beide sind sie im Tied + Tickled Trio, welches - anders als sein Name sagt - aus bis zu sieben Musikern besteht und das Feld zwischen Jazz und Elektronik bestellt.

An Sommerwochenenden begleiten die Brüder ihren 63-jährigen Vater Julius Acher mit seinen New Orleans Dixie Stompers in den Biergarten, wo sie Summertime und dem Basin Street Blues neue Seiten abzugewinnen suchen. Markus ist darüber hinaus Teil von Lali Puna, der Data-Pop-Band seiner Freundin Valerie Trebeljahr und so weiter und so weiter.

Auch wenn die Übersicht nun allmählich verloren zu gehen droht: Valerie ist die schönste Blume im Weilheimer Musiktreibhaus. Die gebürtige Koreanerin wurde als Kind adoptiert, wuchs mit deutscher Sprache und französischem Vornamen auf, lebte zehn Jahre in Portugal und kam als 15-Jährige erstmals an den Ammersee, wo sie es toll fand, weil alles so anders war als in Lissabon und wo sie alsbald in den Sog von The Notwist geriet. Heute singt sie auf Portugiesisch bayerischen Data Pop ...

Hörtest mit einem Rill-Madl

Weilheim weiß mit alldem nicht so viel anzufangen. Die New Orleans Dixie Stompers genießen seit je ein gewisses Ansehen im Ort, die Notwister werden erst letzthin stärker beachtet. Dies ist das Verdienst des Weilheimer Tagblatts, das Neon Golden im Januar mehrere Artikel und eine Sonderseite widmete. Fünfspaltig wurden in- und ausländische Pressestimmen zitiert, sodann Weilheimer Experten zum "Notwist-Test" geladen. Sabine Bartl, 38, von den Rill-Madln wunderte sich, "dass es gar nicht so nach Computer klingt".

Stadtkapellenvorstand Claus Reindl, 43, fand es "ja verhältnismäßig melodiös", und Max Kriesmair, 44, Vorsitzender des Bezirks Oberland im Musikbund Ober- und Niederbayern meinte sogar, die Musik würde gut ins Radio passen, "das brächte mal Abwechslung".

Weilheim registriert verwundert, dass die Band, die im Pfadfinderkeller ihr Unwesen trieb, bis sie rausgeschmissen wurde, nun in London, Brüssel, Zürich und Amsterdam große Säle füllt ...

Der späte Erfolg und die enorme Wandlung der Band von Hardcore-Krachern zu Knister-Ästheten wäre ohne die Erweiterung des Trios zum Quartett nicht letztlich zu erklären. Als Notwist-Fan von Kind auf an stieß Martin Gretschmann aus Böbing bei Oberammergau hinzu. Der Mann mit den langen Haaren und der dicksten aller Hornbrillen mischt unter dem Künstlernamen Console die Techno-Welt auf. Seine CDs sind Meisterwerke sinnlichen Samplens und Mixens.

Die Stücke entstehen auf einem Apple-Notebook durch Rekombination kürzester Schnipsel anderer Musiken. Mit dem durch und durch synthetischen 14 Zero Zero, auf dem er einen Computer singen ließ, versetzte er vor zwei Jahren die Großstadtdiscotheken in Entzücken. Von dem Stück Crabcraft seiner CD Rocket in the Pocket war die Isländerin Björk so begeistert, dass sie ein Lied daraus machte und unter dem Titel Heirloom auf ihrem Album Vespertine noch einmal veröffentlichte.

Gretschmann, 28, war als Schüler Bassist. Nach dem Abitur leistete er seinen Zivildienst in einem Heim für geistig Behinderte und blieb einige Jahre als Betreuer. Nachdem er als Erster in Weilheim einen brauchbaren Sampler besaß, wurde er stets konsultiert, wenn irgendwo Geräusche gefragt waren. Inzwischen zählt er zur globalen Avantgarde elektronischer Klangkunst, und seine jüngste Veröffentlichung ist ein Live-Mitschnitt aus dem Centre Pompidou.

Wenn man das alles mal für einen Moment summiert: die pubertäre Notwist-Gründung im Pfadfinderheim, 15 Jahre später Durchbruch mit Neon Golden, Schlagzeuger Messerschmid heute noch im Hauptberuf Parkettverleger, "um nicht in einer WG leben zu müssen", Console bei Björk, die Acher-Brüder zwischen Hammer-Rock, Biergarten-Dixie, Trompetenstudium und portugiesisch angehauchtem Data Pop - wie wird so eine Band ihrem Publikum entgegentreten?

Ortstermin in Freiburg am Mittwoch der vergangenen Woche: Nach Konzerten in Österreich, der Schweiz und Italien der erste Auftritt in Deutschland.

Nachmittags um halb vier steigen die vier Notwister, ihr Gastmusiker, ihr Tonmeister und ihr Manager aus dem gemieteten Tourbus. Die sieben kommen aus Mailand, waren den ganzen Tag unterwegs, sind unausgeschlafen, hungrig, und sie wüssten, was sie jetzt lieber täten, als ihre Instrumente und Verstärker auszupacken und über eine glitschige Treppe in die Kellerhöhle des Jazzhauses hinunterzutragen.

Aber wer fragt nach Lust? Während der Tour beschränkt sich die Lust ziemlich genau auf das Konzert. Davor und danach ist Einpacken, Auspacken, Herumsitzen, Fahren, Frieren, Dösen, Soundcheck, Chips und Schokolade und Hamburger-Essen und Geschichten-Erzählen: wie sie einmal in England vor einem Zuschauer gespielt haben, wie Console einmal ein Jahr und vier Tage auf seine Gage gewartet hat (dass sie dann aber noch kam!), warum man kein Fleisch mehr isst (außer bei McDonald's, "aber das ist ja kein Fleisch") und was am Straßenverkehr in Freiburg so auffällt ... "Hier fahren die Autos alle nur 40, wenn die Ampel grün ist, weil es ja gleich gelb werden könnte, und dann ist es besser, wenn man schnell zum Stehen kommt."

Und Lust macht es natürlich schon auch, das leere Jazzhaus binnen kürzester Zeit sich füllen zu sehen, sodass die Veranstalter kurz vor neun mahnen, endlich anzufangen, weil das Lüftungssystem sonst die Feuchtigkeit aus 700 Lungen nicht mehr wegbekomme und das Kondenswasser von der Decke herab auf die Bühne regne und in die Biergläser hinein.

Aber bevor es losgeht, muss das Programm für den Abend verhandelt sein.

Notwist hat keinen Boss. Zwar genießen die Brüder Acher besonderen Respekt, zwar ist Sänger Markus vielleicht der, auf den am Ende alle hören, weil er fast am wenigsten sagt - aber sie beraten gemeinsam und ausführlich, was sie spielen wollen, und suchen nach einem Konsens, der sie ebenso zufriedenstellt wie ihr Publikum.

Ja, man könnte sagen: Bei aller Eigenwilligkeit ihrer Musik sind sie sehr dienstleistungsorientiert. Leute kommen von weither, um sie zu sehen, also sollen die ihren Spaß haben - wie lässt sich das am besten hinbekommen, ohne sich als Musiker zu verleugnen?

Das Konzert am Abend zuvor in Mailand hat die Band als misslungen empfunden, und auch eine Diagnose ist zur Hand: Das Publikum im Ausland kenne nur Neon Golden, nicht die anderen vier Platten. Die Band spürt aber wenig Neigung, ihr in 15-monatiger Studioarbeit ausbalanciertes Klangkunstwerk auf der Bühne zu reproduzieren. Nach all dem Gebastel wollten sie es auf der Tour mal wieder richtig krachen lassen, haben sich als Verstärkung deshalb weder Bläser noch Streicher mitgenommen, sondern Max Punktezahl, einen weiteren Gitarristen.

Markus Acher sagt: "Vor der Tour dachte ich, wir sind die Gitarren-Indie-Rockband, aber in Mailand fühlte ich mich richtig unwohl." The Notwist sehen sich konfrontiert mit ihrem Erfolg. "Es gibt eine unglaubliche Erwartungshaltung des Publikums. Die Musik gehört nicht mehr uns. Sie ist Allgemeingut geworden. Was wir gemacht haben, hat für das Leben vieler Leute eine Bedeutung bekommen. Denen ist das superwichtig. Und während wir denken, wir müssen rocken, können die das gar nicht nachvollziehen."

Niemand widerspricht dieser Einschätzung

also wird für Freiburg ein Öko-Programm beschlossen. Und wie es sich zeigt, geht das Publikum vom ersten Moment an mit.

Was für eine Band sind die Notwister, wenn sie keine brettharten Rocker mehr sein wollen? Auf der Bühne (und auch sonst) fehlen ihnen alle Mackergesten.

Markus Acher ist ein weicher Typ, Lockenkopf, gekrümmte, in sich gekehrte Gestalt. Console Gretschmann kommt daher als fröhliche Mischung aus Hippie und Bastler, Martin Messerschmid ist der konzentrierte, unprätentiöse Schlagzeuger, der sich bei der Arbeit von einem Ventilator kühlen lässt.

Micha Acher am Bass flippt noch am meisten aus. Aber mehr als das Becken bewegt er den Kopf hin und her, bis seine schwarzen Haare als undurchdringlicher Vorhang vor die Augen fallen.

Diese Musiker machen den Eindruck, als würden sie Drogen jenseits von Gin und Rotwein vermeiden, hübsche Mädchen unangetastet lassen, nie etwas kurz und klein schlagen - sie wirken ganz normal mit ihren Brillen und ziemlich intelligent. Sie machen ihr Ding, sie lassen sich nicht aus der Ruhe bringen.

Sie sind unterwegs, nicht nur physisch, von Weilheim in die Welt.

Wie lässt sich eine 42-minütige Studioplatte in einen 90-minütigen Auftritt umsetzen? Von Abend zu Abend tasten sie sich an die Lösung heran: In Freiburg, in Mannheim, im Inland überhaupt gelingt ihnen das besser, denn dort begegnet ihnen eine über die Jahre gewachsene Anhängerschar. Im Ausland, wo sie als das plötzliche Wunder bestaunt werden, tun sie sich schwerer, denn sie wollen die Musik, die sie früher gespielt haben, keinesfalls ungeschehen machen.

Wenn The Notwist auftreten, dann bildet ihr Bühnenaufbau ein Tryptichon der modernen U-Musik. In der Mitte Gitarren, Bass und Schlagzeug: das Rockbrett.

Links Console mit seinem Techno-Zeug, rechts zwei Plattenspieler: Repräsentanten von HipHop- und Disco-Kultur.

Nach dem Konzert in Freiburg, nach etlichen Zugaben, sagt Markus Acher: "Ich leg jetzt noch was auf." Und auf das zwischen Tränen und Schweiß noch unentschiedene Notwist-Programm lässt er beschwingte Reggae-Platten folgen.

Wer noch im Saal ist, tanzt dazu. Nach dem Auftritt ist es eigentlich immer am schönsten.

Deutschlandtermine: 16. März Dresden, 17. Leipzig, 18. Berlin, 19. Hannover, 20. Düsseldorf, 21. Darmstadt, 14. April Köln. Weitere Informationen unter www.zeit.de/2002/11/notwist

 
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