U N T E R N E H M E N Wenn Geschwister mit Milliarden spielen

Mit dem Verkauf von Reemtsma brachte Tchibo-Chef Staby ein wenig Frieden in den zerstrittenen Familien-Clan. Jetzt verlässt er den Konzern von Gunhild Freese

Für Ludger Staby geht im Juni eine turbulente Zeit zu Ende. Knapp eineinhalb Jahre lang wird der 66-Jährige dann ein Unternehmen geführt haben, das für Beobachter als fast unlenkbar galt. Seit Februar 2001 stand der Konservative, der 1998 vergeblich versucht hatte, in Hamburg für die CDU ein Bundestagsmandat zu erringen, der Holding der Kaffeerösterfamilie Tchibo vor. Ein Altersjob, um den Staby kaum jemand beneidet haben dürfte. Denn der Clan der Tchibo-Erben, die Familie Herz, ist heillos zerstritten.

Doch der bedächtige Manager kann sich Ende Juni mit einem überaus wichtigen Etappensieg verabschieden: In der vergangenen Woche ging die wichtigste Tchibo-Beteiligung, Reemtsma, an der die Familie gut 75 Prozent hielt, an den britischen Tabakkonzern Imperial Tobacco. Verkaufserlös: mehr als sechs Milliarden Euro. Dafür ist die Einigung in der Familie nötig gewesen. Den Brüdern Michael, Joachim und Wolfgang, die zusammen mit ihrer Mutter Ingeburg eine deutliche Mehrheit von 60,4 Prozent an der Holding besitzen, stehen der älteste der Geschwister, Günter, die Schwester Daniela sowie der Unternehmensberater Otto Gellert mit zusammen 39,6 Prozent gegenüber. Alle großen Entscheidungen wie der Verkauf von Beteiligungen benötigen in der Hauptversammlung indes eine Mehrheit von 75 Prozent. Dass der Reemtsma-Verkauf nun über die Bühne gehen kann, ist der langen Vorarbeit von Staby zu danken. Kaum einem anderen Manager hätte das gelingen können. Schließlich ist Staby mit der Familie bestens vertraut. Er gehörte von 1983 bis 1998 dem Reemtsma-Vorstand an und war neun Jahre lang dessen Sprecher.

Ausgerechnet ihrem Zwist hat der Ex-Reemtsma-Mann seinen Interimsjob zu verdanken. Im Januar 2001 hatte Günter Herz verärgert den Vorstandsvorsitz niedergelegt. Seine Geschwister hatten die Vertragsverlängerung, die ihm den Job für weitere fünf Jahre gesichert hätte, verweigert. Der Familienzwist muss tiefere Ursachen haben. Für manche Beobachter ist er denn auch ein Stück aus dem Kinderzimmer. Dass Michael Herz 1989 vom Bruder Günter aus dem Tchibo-Vorstand gedrängt wurde, scheint bis heute nachzuwirken.

Fast 36 Jahre lang hatte Günter Herz quasi als Alleinherrscher die Tchibo-Geschicke gelenkt und aus dem Kaffeeröster "eine Ertragsperle" gemacht, wie die Wirtschaftswoche lobte. Er hat das Erbe des Vaters Max Herz, der 1965 verstorben ist, stattlich gemehrt. So stieg Tchibo 1977 mit einem größeren Anteil beim Hamburger Kosmetikkonzern Beiersdorf ein, 1980 erwarb der Kaffeeröster eine Mehrheit an Reemtsma, die später auf 76 Prozent ausgebaut wurde. Beides renditeträchtige Anlagen.

Die unterschiedlichen Vorstellungen der Anteilseigner haben die Unternehmen der Tchibo-Gruppe nicht gerade befördert, wie seit Jahren von der einen oder anderen Seite beklagt wurde. So konnte Reemtsma, Nummer vier am Weltmarkt, bei notwendigen Übernahmen nicht mithalten - und wurde selbst zum Übernahmeopfer.

Auch das angestammte Kaffeegeschäft litt unter dem Familienstreit. Seit fast zehn Monaten gab es keinen Vorstandschef mehr. Wolfgang Meusburger, der bis Ende April 2001 das Kaffeegeschäft verantwortete, hatte "aus persönlichen Gründen" das Unternehmen verlassen. Sein Fehler: Er war von Günter Herz eingestellt worden. Mit 2,7 Milliarden Euro trägt die Tchibo-Frisch-Röst-Kaffee GmbH etwas mehr als die Hälfte zum Konzernumsatz (rund 5,6 Milliarden Euro) bei. Stillstand hat es gleichwohl nicht gegeben.

In 850 eigenen Filialen sowie rund 22 000 Depots in Bäckereien und im Lebensmittelhandel werden die Bohnen und ein breites Non-Food-Sortiment - vom Fahrrad über Handtücher bis zu Oberbekleidung und Unterwäsche - angeboten. Tchibo avancierte sogar zur Nummer 13 im heimischen Textilhandel. Im Jahr 1997 übernahmen die Hamburger ihren Bremer Konkurrenten Eduscho. Tchibo wurde zum unumschränkten Marktführer in Deutschland - mit einem Anteil von gut 30 Prozent. Inzwischen wurden deren Filialkette auf Tchibo umgerüstet. Die Kaffeemarke Eduscho ist nur noch im Lebensmittelhandel präsent.

Und auch auf den Angriff der Coffeeshops glaubt sich das Unternehmen gerüstet: 300 der Filialen sollen Ausschank bieten, 100 sind bereits umgerüstet. Und mit dem Einstieg in die Vermittlung von Reisen und jüngst in den Vertrieb der Riester-Rente "wollen wir neue Geschäftsfelder für den Einzelhandel erschließen", so Firmensprecher Joachim Andreas Klähn.

Die Internationalisierung soll künftig "stark ausgebaut werden", hat Ludger Staby nun verkündet. Bisher ist Tchibo bereits in Österreich, Osteuropa, in der Schweiz sowie in den Vororten von London vertreten. Und einen neuen Kaffeechef hat Staby auch schon gefunden: Seit März führt der Grieche Ioannid Karakadas, ein international erfahrener Markenartikler, die Vorstandsriege an.

Ob die Tchibo-Erben wie geplant ihren Anteil an Beiersdorf auf eine Mehrheit ausbauen können, liegt allerdings bei dessen Großaktionär Allianz. Für diese Verhandlungen dürfte Ludger Staby freilich nicht mehr die Verantwortung zu tragen haben. Das müssen die Geschwister ohne ihn packen.

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