T R A U M Ich habe einen Traum
Beim Schreiben eines Drehbuchs erträumt man sich den ganzen Film. Wenn das Schreiben gut läuft, ist es verdammt aufregend, aber es ist auch der abstrakteste Teil des Filmemachens und oft sehr frustrierend. Die stärkste Motivation kommt für mich dabei aus einem intensiven Traum: Ich nehme mir vor, mit meinem Film etwas völlig Unmögliches zu erreichen.
Es klingt vielleicht albern, aber als ich zusammen mit meinem Kumpel Owen Wilson die Tenenbaums schrieb - und bei meinem vorigen Film Rushmore war es auch schon so -, wollte ich mit aller Kraft versuchen, so weit wie möglich über mich hinauszuwachsen. Ich nahm mir vor: Jedes einzelne Detail soll so großartig sein, wie es überhaupt nur vorstellbar ist. Von diesen fantastischen Details sollten in jeder Szene so viele wie irgend möglich stecken. Und so hatten Owen und ich von Anfang an tonnenweise Ideen für die Tenenbaums : Wir wussten schon, dass altmodische Drehtelefone darin vorkommen sollten, zerbeulte Taxis und Stirnbänder. Wir wussten auch schon ziemlich früh, welche Sonnenbrille Anjelica Huston tragen sollte, nämlich die meiner Mutter aus den siebziger Jahren. Wir hatten eine ziemlich genaue Vorstellung vom Setting: ein New York, das es in der Wirklichkeit nicht gibt. Es ist ein New York, wie ich es mir erträumte, als ich in Texas aufwuchs und Romane von J. D. Salinger las. Inzwischen lebe ich selbst in Manhattan, aber die Stadt, in der die Familie Tenenbaum lebt, hat viel mehr mit dem kaputten New York zu tun, das ich in Siebziger-Jahre-Filmen wie Taxi Driver gesehen habe, und ziemlich wenig mit der Realität vor meiner Haustür. In diese Welt schickten wir eine Anhäufung extremer Charakteren, eine ganze Familie von Genies und Kinderstars, alle sehr unabhängig, mit komplizierten Beziehungen zueinander. Was uns da noch fehlte, war eine Handlung.
Damit eine Geschichte funktioniert, müssen einerseits Ursachen und Wirkungen deutlich zu erkennen sein, an denen man sich als Zuschauer festhalten kann. Aber genau dadurch werden in vielen Filmen die Dinge auch ganz fürchterlich vereinfacht. Beim Schreiben will man also einerseits Kausalketten knüpfen - und gleichzeitig für den Zuschauer möglichst viel offen lassen. Das hinzukriegen ist schwierig, schrecklich schwierig. Und so haben wir an diesem Drehbuch tatsächlich jahrelang gearbeitet. Und deswegen habe ich keinen sehnlicheren Wunsch, als endlich mal ein Drehbuch in einem einzigen Schreibrausch in kurzer Zeit zu schreiben. Was mir beim Schreiben helfen könnte, wäre zum Beispiel, neue Leute um mich zu haben, die neue Ideen haben oder bei mir auslösen. Ein weiterer Traum wäre also, in nächster Zeit die richtigen Leute zu treffen.
Mich faszinieren Leute, die von einem völlig unrealistischen Ehrgeiz getrieben sind. Sie verfolgen unbeirrt ihre Träume und Hoffnungen, obwohl die meilenweit über das hinausgehen, was sie jemals realistischerweise erreichen können. Es sind Leute mit Eigensinn, die keine Angst davor haben, in ihrem Eifer von irgendjemandem uncool gefunden zu werden. Ich selbst habe noch bis zu einem bedenklich fortgeschrittenen Alter fest daran geglaubt, Wimbledon gewinnen zu können - obwohl ich noch nie Tennis gespielt hatte. Ich glaubte, ich hätte ein angeborenes, noch völlig unerprobtes Talent, das mich dahin bringen würde. Sogar die kleinsten Details des entscheidenden Tie-Breaks hatte ich meine ganze Kindheit hindurch deutlich vor Augen: Ich wusste, dass mir im entscheidenden Ballwechsel letztlich meine mentale Stärke zum Erfolg verhelfen würde.
Genauso wie dieser Ehrgeiz interessiert mich aber auch das Scheitern: Was passiert mit Leuten, die ihre Träume verwirklicht haben? Was machen sie aus ihrem Leben, nachdem sie ihren Gipfel erreicht und überschritten haben? Viele meiner Charaktere erreichen sehr früh eine völlig überzogene Art von Ruhm. Und dann zahlen sie einen Preis dafür.
Mein neuer Film ist auch eine Geschichte über die Risiken des Erfolges, über all die Komplikationen, die dazugehören. Das sind alles Dinge, die mich im wirklichen Leben faszinieren. Wenn man ein oder zwei Drehbücher über dieses Thema geschrieben hat, denkt man vielleicht etwas anders über die Mechanismen von Ruhm und Scheitern. Bestenfalls bekommt man einen besseren Überblick. Immun gegen die Gefahren ist man dadurch noch lange nicht.
Was nach der Erfüllung eines Wunschtraums einsetzt, ist nicht so sehr Enttäuschung. Der Traum stellt sich, in Wirklichkeit, nur als etwas völlig anderes heraus. Zum Beispiel: Für mich hätte es ja die Erfüllung eines Traumes sein können, einen Film in die Kinos zu bringen oder ihn im Wettbewerb der Berlinale zu zeigen. Das ist ja auch eine sehr gute Sache, aber jeder einzelne Schritt auf dem Weg dahin, jeder einzelne Schritt während eines Filmfestivals, hat leider nicht die Magie, diese Überraschungseffekte, die ein Traum hat. Der Traum wird wahr, aber während er wahr wird, fühlt sich jeder einzelne Schritt eben überhaupt nicht wie ein Traum an.
Als ich von der Oscar-Nominierung erfuhr, war es allerdings - buchstäblich - wie im Traum: Ich war gerade im Tiefschlaf, als mich der Produzent Scott Rudin anrief. Er sagte nur: »Hi, Wes, herzlichen Glückwunsch!« Und ich murmelte, halb wach: »Was denn, sind wir für ,Bestes Drehbuch' nominiert worden?« Scott lachte und sagte: »So ist es!«
Es klingt arrogant, aber so überraschend war das nicht. Im Internet gibt es diese ganzen Hochrechnungen, die die Oscar-Entscheidungen schon ziemlich genau voraussagen können, und Die Royal Tenenbaums wurden in der Drehbuchkategorie hoch gehandelt. Es war also nicht so, dass ich plötzlich wie vom Blitz getroffen war. Felsenfest von einer Nominierung auszugehen - und die dann nicht zu bekommen -, stelle ich mir allerdings schon sehr erschütternd vor.
Und so finde ich es jetzt zwar wunderbar, nominiert zu sein - der Traum vom Oscar ist ja sozusagen ein Klassiker. Aber ich fühle mich auch schuldig: Ich wünschte, die Schauspieler wären nominiert worden. Gene Hackman, Anjelica Huston - der Film hängt so sehr von ihnen ab, und wegen dieser tollen Leistungen ist er auch so gut angekommen.
Die Besetzungsliste der Tenenbaums erscheint mir immer noch wie ein unerreichbarer Traum. Einen Film zu machen mit Hackman, Anjelica Huston, Gwyneth Paltrow, Ben Stiller, Bill Murray - als ich anfing, über diese Gruppe nachzudenken, dachte ich: Die alle zu bekommen ist unmöglich. Aber erst als wir angefangen hatten, diese Leute nach und nach zu fragen, merkte ich, wie kompliziert diese Besetzung wirklich war. Die haben alle wahnsinnige Terminpläne. Gene Hackman, für den Owen und ich die Hauptrolle geschrieben hatten, wollte erst überhaupt nicht. Aber ich war fixiert auf ihn für die Rolle des Royal Tenenbaum, sie war für ihn geschrieben, alles andere wäre ein Kompromiss gewesen. Ich wollte eine Gruppe zusammenstellen, die alles in diesen Film legt. Und jetzt kommt mir, bei den Schauspielern, die Drehbuchnominierung eher wie eine Art Trostpreis vor.
Die Nominierung trägt dazu bei, dass ich jetzt angreifbarer für die Kritiker bin. Wenn man zwei, drei Filme gemacht hat, wird man als vogelfrei betrachtet, man ist keine Entdeckung mehr - und die Attacken können losgehen. So macht der Erfolg alles etwas konfuser: Man weiß nicht mehr so genau, was eine Kritik oder ein Lob bedeutet, weil man nie weiß, was jeweils dahintersteckt. Für den Oscar sind auch schon fürchterliche Filme nominiert worden.
Aus all diesen Gründen kann es einem passieren, dass man sein Leben lang großen Träumen hinterherjagt - und in dem Moment, in dem man sozusagen angekommen ist, erscheint plötzlich alles fragwürdig. Eine Oscar-Nominierung gibt einem jedenfalls kein bisschen mehr Selbstbewusstsein.
Das nächste Drehbuch wird also bestimmt nicht einfacher als das vorige. Es gibt Leute, aus denen sprudeln Geschichten einfach so hervor. Eine Geschichte zu schreiben, die funktioniert, verlangt von mir sehr harte Arbeit. Ich träume eigentlich nur davon, dass ich es noch ein weiteres Mal schaffen werde.
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