C O M P U T E R S P I E L Schwarzes Möbel zum Daddeln
Von heute an steht Microsofts neue Spielkonsole Xbox in den Geschäften. Auch wenn der Erfolg noch ungewiss ist, könnte das Gerät den Spielemarkt kräftig durcheinander wirbeln
Im Windschatten des PC zum Spielen gewann auch die Computerspezies der Spielkonsole neue Kraft. Mit den preisgüns-tigen Kisten, die an den Fernseher angeschlossen werden, kann der Spieler vor allem eines, das aber exzellent: daddeln bis zur Sehnenscheidenentzündung. Die turboschnellen Spezialrechner sind zum Multimilliarden-Dollar-Geschäft avanciert.
Und weil Microsoft beim Wort "Milliarden" noch jedes Mal hellhörig wurde, steigt der Softwaregigant auch diesmal ein. Anstelle von Software produziert der Konzern ausnahmsweise lukrative Hardware. Xbox heißt Microsofts Spielkiste, die jetzt in Deutschland ausgeliefert wird.
Jedes Mal, wenn das amerikanische Unternehmen eine Nische für sich entdeckt, ist das die Kriegserklärung an bereits etablierte Anbieter. Bis heute beherrschten vor allem die Japaner den Konsolenmarkt. Wer sich in diesem Geschäftsfeld neu behaupten will, muss sich mächtig ins Zeug legen. Sony ist im Bereich der Spielkonsolen Marktführer und erfreut sich weltweit größter Beliebtheit. Sogar Saddam Hussein, so wurde kürzlich vermeldet, soll eine stattliche Anzahl PlayStation2-Konsolen geordert haben. Die darin versteckte Technik sei schließlich so fortschrittlich, dass sich damit auch echte Raketen steuern ließen. Insgesamt setzte der japanische Elektronikkonzern bisher 20 Millionen Exemplare seiner PlayStation2 ab, davon 750 000 in Deutschland. Der Vorgänger, PlayStation1, ging allein hierzulande fünf Millionen Mal über die Ladentheken und verwies Nintendos N64 und Segas Dreamcast auf die hinteren Ränge.
Damit hat Microsoft offensichtlich kein Problem. Seit Bill Gates vor zwei Jahren die Xbox anpries, wartet nicht nur die Spielergemeinde mit Spannung auf das technische Wundergerät. Think big lautet hier die Devise. Tatsächlich ist die Xbox auffallend groß, schwer, hässlich und teuer: 479 Euro kostet der schwarze Kasten mit dem grünen X. Das ist zwar für eine Vergnügungsmaschine viel Geld, aber wesentlich weniger bezahlten die Kunden für die PlayStation2 beim Verkaufsstart auch nicht.
Um den hohen Preis zu rechtfertigen, wird keine Gelegenheit ausgelassen, die Xbox als vereinfachten PC anzupreisen. Und das ist die Box tatsächlich. Anstelle von hoch spezialisierter Spieltechnik beherbergt sie zumeist handelsübliche PC-Bauteile.
Zurzeit stellt sie mit 733 Megahertz die schnellstgetaktete Spielkonsole dar. Auch die anderen Rechenleistungen der Xbox treiben Spielern, Spielentwicklern und Microsoft-Mitarbeitern Freudentränen in die Augen. Tatsächlich ist, im Gegensatz zu herkömmlichen Konsolen, die bessere Bildqualität in Ballerspielen wie Halo oder Autorennen wie Project Gotham Racing kaum zu übersehen. Die Spielideen indes sind gleich geblieben.
Kabel mit Stolperschutz
Für den Vorstoß zur Weltmacht des Hochleistungsspielzeugs bedarf es ingeniöser Meisterschaft. Die acht Gigabyte fassende Festplatte speichert nicht nur Spielstände, sondern bequem auch die Musikstücke von Audio-CDs.
Und dann die neuen Kabel: Eine Kundenbefragung hatte offenbart, dass der Spieler in Aktion keine Minute stillhalten kann. Also gesteht ihm die Xbox zwischen Steuerungsgerät (Kontroller) und Konsole eine Kabellänge von knapp drei Metern zu. Das sind rund 50 Zentimeter mehr als bei der PlayStation2. Und weil die Zocker im Eifer des Gefechts auch mal über ihre Kabel stolpern, integrierten die Designer noch einen kleinen, leicht lösbaren Zwischenstecker: Der Spieler reißt nun beim Sturz die Konsole nicht mehr mit sich zu Boden. Noch besser wäre natürlich überhaupt kein Kabel. Aber der Kontroller birgt den so genannten Rumble-Effekt: Schmettert der virtuelle Rennwagen gegen eine Leitplanke, vibriert das Ding sehr heftig in der Hand.
Die Microsoft-Ingenieure haben noch mehr Ideen in den Steuerapparat gesteckt. Der ideale Spieler muss über Bärenpranken verfügen, denn die Kontroller mit ihren zahlreichen Knöpfchen fallen ungleich größer aus als die der Konkurrenz. Dafür passt in den Großraumsteuergriff aber auch ein zusätzlicher Memory-Chip. Kinder können das wuchtige Ding kaum in der Hand halten. Allerdings sind als Zielgruppe ohnehin Menschen zwischen 16 und 26 Jahren angepeilt. Schon der Begriff "Kind" ist schlecht fürs Geschäft. Das K-Wort wirkt abschreckend und vor allem uncool. Dabei ist es kein Geheimnis, wie die Erfahrung mit der PlayStation2 zeigte, dass gerade Kinder Zeit für ausgedehnte Spielorgien haben und sich gern zum gemeinsamen Spielen verabreden. Davon kann auch der hohe Anschaffungspreis nicht abschrecken.
Damit sich das Investment vor Eltern, Ehefrauen (oder -männern) halbwegs rechtfertigen lässt, haben die Hersteller Zusatzfunktionen integriert. Neben Spielen laufen auf Playstation und Xbox auch DVD-Filme. Doch dafür wird zusätzliches teures Zubehör benötigt. Auch für die Online-Verbindung ist gesorgt - diese setzt allerdings einen schnellen DSL-Anschluss voraus. Auf diese Weise über das Internet verdrahtet, treten die Xboxler dann im Fernduell gegeneinander an.
Die Xbox ist übrigens nicht der erste Ausflug von Microsoft in den Computerspielebereich. Seit Jahren liefert der Riese aus Redmond fleißig Zubehör wie Kontroller, Joysticks und Lenkräder mit Gaspedalen. In Sachen Spiele-Software agierte er dagegen bisher eher inkonsequent und glücklos. Zwar gelangen ihm mit dem Flugsimulator und Age Of Empires veritable Erfolge, aber die Folgetitel ließen auf sich warten, und Microsoft versäumte es, eine qualitativ hochwertige Produktpalette aufzubauen, um sich in der Spieleszene einen Namen zu machen. Schlimmer noch: Mal kamen neue Titel heraus, mal wiederum lange Zeit keine, dann wurden angekündigte Spiele wegen mangelnder Qualität erst gar nicht veröffentlicht.
Diese Probleme sind mit der Xbox zum Ärger der Konkurrenz gelöst. Zwar veröffentlicht Microsoft auch weiterhin eigene Spiele, aber die Entwicklungen kommen künftig meistens von anderen Firmen: von Infogrames, Electronic Arts, Take Two oder Eidos. Sie sind es und nicht die Käufer der Konsolen, die Microsoft das Geld in die Kassen spülen. Denn die Haupteinnahmequelle Microsofts bilden die Lizenzen für jedes einzelne Xbox-Spiel. Und aufs Lizenzgeschäft versteht sich Microsoft. Aus diesem Grund zahlt das Unternehmen bei jeder einzelnen Xbox auch drauf. Knapp 200 Dollar, wie Gerüchte besagen.
Zur wahren Bedrohung sowohl für die PC-Szene als auch die Konsolenhersteller aber könnte die Xbox aus ganz anderem Grund werden. Zur Erinnerung: PCs benötigen als Grundausstattung ein Betriebssystem, und das stammt von Microsoft - Microsoft ist Monopolist. Folglich sind alle Computerspiele für PCs auf diesen Standard geeicht. Während die Spieleproduzenten bei herkömmlichen Konsolen jedes Mal völlig unterschiedliche Hardware vorfinden und deshalb immer von Grund auf neu programmieren müssen, ist die Umsetzung eines PC-Games für die PC-ähnliche Xbox geradezu ein kostengünstiges Kinderspiel.
Allein deswegen kann Microsoft in aller Ruhe darauf vertrauen, bald alle PC-Games-Hersteller für sich gewonnen zu haben. Und je mehr Programmierer sich um die Xbox scharen, desto weniger stehen für die anderen Konsolenhersteller zur Verfügung. Schon beim Start gibt es für die Xbox knapp 20 Spiele (Preis um die 69 Euro), zahlreiche weitere folgen in Kürze. Da die Spiele auf nicht kopierbaren DVD ausgeliefert werden, ist auch das Raubkopieproblem zunächst gelöst.
Sinkt der Stern der PCs?
Denkbar, dass bei einem Erfolg der schwarzen Kisten die Konsumenten die Lust am Kauf immer neuer Gigahertz-Rechner verlieren - obwohl sie sich dann überwinden müssten, das unschöne Möbel in ihrem Wohnzimmer zu dulden.
In den Vereinigten Staaten wurden bisher etwa eine Million Stück verkauft; für amerikanische Verhältnisse nicht sonderlich viel. In Japan startete die Xbox im Februar, doch der Erstverkauf blieb deutlich hinter den Erwartungen zurück. Zu allem Unglück gab es ausgerechnet dort auch noch technische Probleme: Einige Exemplare der Xbox zerkratzen die Spiele-CDs.
Und die Konkurrenz schläft nicht. In Kürze wird der schicke Cube von Nintendo für 275 Euro herauskommen. Ohne Internet, ohne DVD - nur zum Spielen. Aber die Xbox muss nicht sofort ein Sensationserfolg werden. Microsoft hat viel Zeit.
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