Es war zwei Uhr morgens und dennoch taghell, als Daniel Krutzinna sich entschied, Umweltpolitik und Entwicklungsökonomie zu studieren. Der junge Deutsche saß auf dem Beifahrersitz eines klapprigen Lastwagens und näherte sich der nordrussischen Stadt Montschegorsk. Hoch im Norden in der Nähe von Murmansk gab das Nordlicht den Blick auf das Ergebnis von 40 Jahren Schwermetallverhüttung frei. "Erst wurden die Nadeln an den Bäumen spärlich", erinnert sich Krutzinna, "dann gelb." Bald schon gab es keine Bäume mehr, und das graue Skelett der Stadt, die am Horizont auftauchte, lag in gelb-grünem Rauch. Mehr Anschauungsmaterial als die Industrieruine am Polarkreis brauchte der damals 20-Jährige, der gerade seinen Zivildienst beendet hatte, nicht: Der Studienwunsch stand.

Jetzt, sieben Jahre später, lebt Krutzinna in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts und studiert an der Harvard-Universität. Diesen Juni wird er graduieren, als Master of Public Administration mit dem Schwerpunkt International Development (MPA/ID). Das zweijährige Programm ist an der John F. Kennedy School of Government angesiedelt, einer der professional schools, die zu Harvard gehören und die Führungskräfte für Regierungen, Internationale Organisationen oder gemeinnützige Institutionen praxisbezogen ausbilden.

Wer sein International-Development-Studium hier abschließt, hat Mikro- und Makroökonomiekurse auf Doktorandenniveau hinter sich gebracht und Tausende Seiten Wirtschaftsgeschichte von Adam Smith bis zur IT-Euphorie jüngerer Tage verdaut. Hat in Kleingruppen Vorschläge zur Aids-Bekämpfung in Uganda oder zur Stabilisierung des Wechselkurses in Indonesien erarbeitet, in einer Abschlussarbeit ein Entwicklungshilfeprojekt auf die Beine gestellt und im Sommer zwischen den beiden Studienjahren ein Praktikum absolviert, beim Weltwährungsfonds in Washington oder beim Tibet Alleviation Fonds in Lhasa, einer Organisation, die tibetischen Bauern mit Kleinstkrediten hilft.

Im Taubman-Gebäude der Kennedy School erinnert nichts an die Probleme der Länder, mit deren Entwicklung sich die Studenten hier täglich beschäftigen.

Der Himmel über dem Charles River, der Cambridge von Boston trennt, ist blau

Sonnenstrahlen fallen steil in die Rotunda des fünfstöckigen Backsteingebäudes, das mit Spendengeldern von ehemaligen Studenten erbaut wurde. Daniel Krutzinna sitzt an einem Rundtisch, die Haare sind aus der Stirn gestrichen, lebhafte Augen schauen durch eine randlose Brille. Ein wenig gehetzt sieht er aus, 60 bis 80 Stunden Arbeit steckt er pro Woche in sein Studium. Woher kommt die Motivation? "Von der Möglichkeit, mit Kommilitonen aus der ganzen Welt zusammenzuarbeiten", sagt er. Und von dem Gefühl, hier für zwei Jahre das Richtige gefunden zu haben: "Das Programm ist optimal für Leute wie mich, die keine akademische Karriere anstreben, aber einen fortgeschrittenen Abschluss für ihre spätere Arbeit brauchen."

Rettung für den Viktoriasee