Das Kapital hängt an der Wand
Für Laien ist das Geschäft mit Kunstwerken kaum zu durchschauen. Mächtige Sammler beherrschen den Markt und bestimmen, mit welchen Künstlern gut verdient wird
Vor mehr als hundert Jahren verkaufte die Witwe von Vincent van Goghs Bruder Theo das Ölgemälde Bildnis des Dr. Gachet einer dänischen Sammlerin für 300 französische Franc - nach heutiger Rechnung der Gegenwert von etwa 1000 Dollar. Nicht ganz zehn Jahre später zahlte der Kunsthändler Paul Cassirer bereits den fünffachen Preis. Von da an gab es kein Halten mehr. In immer neuen Auktionen stieg der Preis des Bildes weiter. 1990 schließlich ersteigerte es der japanische Kaufmann Ryoei Saito für 82,5 Millionen Dollar. Das war vorerst das Ende. Seither gilt das Gemälde als verschollen, und bizarre Gerüchte gehen um: So habe der letzte, 1996 verstorbene Besitzer angeblich in seinem Testament verfügt, er wolle gemeinsam mit Dr. Gachet bestattet werden.
Wertsteigerungen wie diese sind die Ausnahme. Als Anlageobjekt ist Kunst dennoch attraktiv. Gerade der Respekt vor alten Meistern ist ungebrochen. Sie sind oft wertbeständig, sofern überhaupt zu bekommen. Als gleichfalls krisensicher gelten die Klassiker der Moderne - Cézanne, Beckmann und Léger. Auch zeitgenössische Kunst, die gemeinhin von den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts an datiert wird, braucht sich nicht zu verstecken. Das belegt der jährlich einmal im Herbst erscheinende Kunstkompass des Wirtschaftsmagazins Capital. Von etwa 10 000 internationalen Künstlern wird eine Rangliste der Top 100 erstellt. Grundlage ist ein ausgeklügeltes Punktesystem. Die wichtigsten Kriterien: Teilnahme an Einzel- und Gruppenausstellungen, Präsentation in Museen, Rezensionen in einschlägigen Kunstzeitschriften und Auktionserlöse.
Zusätzlich dazu gibt es eine Ruhmesliste der zehn bedeutendsten Künstler. Andy Warhol führt die Riege der Unsterblichen im Künstler-Olymp an. Eines seiner bekanntesten Werke, die orangefarbene Marilyn, erzielte vor einigen Jahren 18 Millionen Dollar. Die deutsche Ikone, Joseph Beuys, folgt Warhol auf Platz zwei. Doch glaubt man Gerüchten auf der Kunstmesse Art Cologne im vergangenen Jahr, sinkt sein Stern.
Ulli Seegers vom Bundesverband Deutscher Galeristen steht solchen Ranglisten skeptisch gegenüber. "Schön, wie man Kunst auch betrachten kann", ist ihr zurückhaltendes Urteil. Der Hintergrund: Die Aussagekraft des Capital-Kompasses ist unter Sammlern und Künstlern umstritten. Seegers vertraut lieber dem "eigenen Auge, der Erfahrung und dem Hintergrundwissen über Künstler". Das sei ein Entdeckungsprozess und als solcher eben "nicht messbar".
Der Bonner Galerist Michael Schneider, der vor allem mit zeitgenössischer Kunst handelt, ist noch deutlicher. Er würde "Kunst nie unter dem Renditegesichtspunkt anbieten. Das ist unseriös." Gleichwohl hält er es für sinnvoll, den Kunstmarkt etwas transparenter zu machen. Es gibt kaum einen Markt, über dessen Produkte so viel geredet und geschrieben wird, über den es zugleich so wenig gesicherte Daten gibt. Das ist umso erstaunlicher, als Kunst bereits in den siebziger und achtziger Jahren das Ghetto kunsthistorischer Betrachtungen verließ, um als profane Ware marktgängig zu werden.
Objekt der Geldwäsche
Steigender Wohlstand erschloss der Kunst zunehmend neue Käuferschichten und bescherte ihr einen bis dahin ungewohnten Boom. Kunstmarkt im Goldrausch betitelte Ende 1989 das renommierte Kunstforum international eine Analyse zum kommerziellen Kunstgeschehen.
Der Boom hatte viele Facetten - allen voran das wachsende Interesse der kunstinteressierten Besucher. Die alle fünf Jahre stattfindende Documenta in Kassel meldete regelmäßig neue Rekorde. In den fünfziger Jahren hatte sie mit 130 000 Besuchern begonnen, 1997 waren es 630 000, und in diesem Jahr erwartet Kassel zur Documenta XI wiederum Zuwächse.
Über den Boom der achtziger Jahre sind nur wenige gesicherte Informationen verfügbar: Ende des Jahrzehnts gab es ein Drittel mehr Galerien als zu Beginn, zudem 60 Prozent mehr Kunstvereine. Die Umsätze mit zeitgenössischer Kunst hatten sich weit mehr als verdoppelt. Allerdings wurde die Branche zu Beginn des folgenden Jahrzehnts doch noch von den Börsencrashs 1987 und 1989 eingeholt. Sichtbarstes Zeichen war die Halbierung der Auktionspreise binnen weniger Jahre. Doch zur Jahrtausendwende war wieder alles im Lot - auf leicht höherem Niveau.
Glaubt man den Gerüchten der Szene, ist der Markt sehr stabil. Messechef Bernd Aufderheide über die vergangene Art Cologne: "Wirtschaftlich war die Messe den Aussagen der Mehrheit der Aussteller zufolge die seit Jahren erfolgreichste." Messen sind ein wichtiger Gradmesser für den Kunstmarkt, insbesondere die Art Cologne, die Wiege aller Kunstmessen überhaupt. Der Stellenwert dieser Messe ist unumstritten. Hier fahren die Galeristen an nur wenigen Tagen ein Viertel bis ein Drittel ihres Jahresumsatzes ein.
Im vergangenen Jahr wurde viel über Geldwäsche spekuliert. Bis kurz vor der Euro-Umstellung soll verhältnismäßig viel Kunst gekauft und bar mit Deutscher Mark bezahlt worden sein - vor allem mit Schwarzgeld. Der Vorwurf der groß angelegten Geldwäsche ist allerdings nie bewiesen worden. Und selbst wenn: Gemessen an den Umsätzen des deutschen Kunstmarktes ist dieser Aspekt bei der Kunst zu vernachlässigen. 7700 selbstständig tätige Künstler bringen es auf einen bescheidenen Jahresumsatz von rund 0,7 Milliarden Euro. Bei einer Handelsspanne von etwa 50 Prozent hätte der gesamte Kunstumsatz (ohne den Anteil des Handels mit Antiquitäten) somit bei gut einer Milliarde Euro gelegen.
In dem engen Geflecht zwischen Künstlern, Galerien, Museumskuratoren, Auktionshäusern, Kunsthistorikern und -kritikern spielen Sammler eine zentrale Rolle. Beispiele für besonders mächtige Sammler sind der vor ein paar Jahren verstorbene Unternehmer Peter Ludwig und der Bauunternehmer Hans Grothe. Beide haben sehr viel Kunst gekauft - auch junge Kunst, als sie erschwinglich war. Und große Sammlungen, vor allem wenn sie öffentlich ausgestellt werden, beeinflussen jedes Mal den Markt. Sobald noch namenlose Künstler in Museen ausgestellt oder ihre Werke angekauft werden, steigt mit dem Adelsprädikat "museumsreif" automatisch auch der Wert ihrer Werke. Die Aktivitäten von Peter Ludwig und seiner Frau beschränkten sich freilich nicht nur auf das Sammeln. Ludwigs haben den Grundsatz "Eigentum verpflichtet" ernst genommen und rund ein Dutzend Mal Teile ihrer Sammlung der Allgemeinheit zugänglich gemacht - unwiderruflich.
Allerdings gibt es auch eine andere Kategorie Sammler. Solche, die Spekulationsgewinne schon mal einstreichen. Hans Grothe ist einer von ihnen. Vor einigen Monaten machte er negative Schlagzeilen, als er 45 der 700 Bilder aus Bonn abzog, die er einem dortigen Museum ausgeliehen hatte. Grothe wollte sie bei Christie's in New York versteigern lassen und Kasse machen. Die betroffenen Künstler waren verärgert. Die Fotokünstler Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Desmond nannten Grothes Verhalten "abstoßend". Schließlich seien ihm beim Kauf ihrer Werke nur deswegen Rabatte eingeräumt worden, weil er stets auf den bis zum Jahr 2025 laufenden Leihvertrag mit der Stadt Bonn hingewiesen hatte.
Grothes Auktionsgeschäft war unverkennbar ein Ritt auf der Spekulationswelle. Fast alle Auktionswerke der Sammlung Grothe haben nicht nur im Bonner Kunstmuseum ihre musealen Weihen erhalten, sie waren sogar 1999 bei einer wertsteigernden Berliner Grothe-Schau vorgestellt worden - sogar mit einem Schlüsselwerk von Georg Baselitz - Der Hirte von 1966. Auch diese Arbeit, in Bonn mit Steuermitteln öffentlich aufgewertet, ist nun den allgemeinen Blicken entzogen. Hans Grothe ist dafür um 1,1 Millionen Dollar reicher.
Mit dem massiven Einstieg der Auktionshäuser in den Markt für zeitgenössische Kunst sagen manche Historiker und Kritiker, die der Kommerzialisierung noch widerstanden haben, eine Verflachung der rein künstlerischen Werte voraus. Die Viertelsjahreszeitschrift Texte zur Kunst sorgte sich unlängst, "dass sich die Kunstwelt nur auf ein paar Künstler einigt" - und das alles "auf Kosten jener künstlerischen Arbeiten, die sich auf keine Formel bringen lassen".
Von seiner positiven Grundhaltung zur Zukunft einmal abgesehen, hält sich der Bundesverband der Galeristen zurück mit einer Prognose für den Kunstmarkt. Für das vergangene Jahr sei die Schätzung - mit vier Prozent Wachstum - zwar aufgegangen, berichtet Geschäftsführer Bernd Fesel. Ob sich der Trend fortsetze, sei jedoch ungewiss. Konjunkturschwächen träfen den Kunstmarkt erfahrungsgemäß mit zeitlicher Verzögerung. Kunst ist eben in besonderem Maß von wachsendem Wohlstand abhängig. Für Anleger kann es folglich nur einen Ratschlag geben: Dem eigenen Geschmack vertrauen. Wenn zur Freude an den schönen Dingen noch eine Wertsteigerung hinzukommt - umso schöner.
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