U R H E B E R R E C H T S S C H U T Z Freibeuter auf ungenierter Datenjagd

Der Filmtausch im Netz nimmt zu. Auch alles, was auf dem Index steht, ist verfügbar. Polizei und Urheberrechtsschützer sind fast machtlos

Der wilde Datentausch über das Internet ist heute noch beliebter als in der Pionierzeit des Napster-Dienstes. Rund 30 Tauschbörsen haben inzwischen Napsters Platz eingenommen und verzeichnen eine steigende Zahl von Teilnehmern: Über Morpheus, Kazaa, Grokster, Hotline oder DirectConnect laden die Mitglieder vor allem Musikstücke aus dem Netz, in letzter Zeit aber auch zunehmend Software und Videos. Kaum war das Fantasy-Epos Herr der Ringe im Kino gestartet, hatten schon Tausende Internet-Nutzer den Film auf ihrer Festplatte. Ebenso war es zuvor schon dem Zaubermärchen Harry Potter ergangen: Wie durch Zauberei hatte der Film sich im digitalen Format blitzschnell rund um den Globus verbreitet - lange bevor er auf Video oder DVD erscheinen soll.

"Die Leitungen werden schneller, die Dateien werden kleiner und damit unser Problem größer", sagt Jan Scharringhausen von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU). Zwei Millionen schneller DSL-Anschlüsse in Deutschland sorgen für verkürzte Ladezeiten. Brauchte man früher noch drei oder vier CD-Scheiben, um einen ganzen Film zu speichern, passt nun ein kompletter Film im DivX-Format auf eine einzige CD. Schon bald werden auch handelsübliche DVD-Spieler das DivX-Format abspielen können.

Computerzeitschriften geben ihren Lesern großzügigerweise auch gleich Tipps mit auf den Weg, bei welchen Tauschbörsen sie die größte Auswahl finden. Programme wie MovieJack, die den Kopierschutz einer legal erworbenen DVD ausschalten ("rippen"), finden reißenden Absatz. Gute Zeiten für Computerfreibeuter: Zwar macht sich eindeutig strafbar, wer urheberrechtlich geschützte Inhalte - also Musik, Filme oder Software - zum Herunterladen anbietet. Wer die Daten aber nur aus dem Netz saugt, ohne sie wiederum zum Tausch anzubieten, bleibt vorerst in einer juristischen Grauzone.

Die Tauschbörsen selbst sind kaum auszuhebeln. Napsters Erben lassen sich nicht so einfach abschalten. Im Gegensatz zu Napster gibt es bei den dezentralen Diensten keinen Zentralcomputer, der sich einfach abschalten ließe, um den Tausch zu beenden.

Datenschutz verhindert Strafe

"Man kann erwischt werden", warnt Scharringhausen, gibt aber im gleichen Atemzug zu, dass es sich nur um Zufallstreffer handelt. "Derzeit können wir nur Einzelne rauspicken, um Angst zu machen." Niemand hat die Möglichkeit, die Millionen von Tauschvorgängen auch nur ansatzweise zu überwachen.

Der Polizei hingegen bereitet die Verletzung von Urheberrechten erst in zweiter Linie Sorge. Schlimmer ist, dass über die Tauschbörsen nicht nur harmlose Märchen von Ringen und Zauberlehrlingen wandern. Vieles, was aus gutem Grund auf dem Index steht, finden die Suchmaschinen der Tauschbörsen in Sekunden. Material, das unter die Gürtellinie zielt oder politisch nach rechts- oder linksaußen, kann sich inzwischen jeder rasch besorgen. Pornos, Gewaltdarstellungen und Propaganda der übelsten Art landen in Minutenschnelle auf der eigenen Festplatte. Wenige der Tauschbörsen haben Filter eingebaut - und diese können leicht deaktiviert werden. Es gibt sogar eigene Tauschnetzwerke, in denen sich nur Pornofans versammeln. Ein Klick trennt Computer-Kids noch vom Schund.

Die Menge des getauschten Materials macht die Verfolgung schwer. Es gibt keine Zentrale, die den Tauschverkehr überwacht, also auch keine Aufzeichnungen. "Die Leute klinken sich ein und sind gleich wieder weg. Wir können sie nur auf frischer Tat ertappen. Aber dazu sind einfach zu viele Menschen online", beschreibt Richard Rainer von der Münchner Internet-Fahndungsgruppe das Problem. In ganz Deutschland gibt es nur drei Fahndungsgruppen mit etwa 30 Polizisten, die verdachtsunabhängig ermitteln dürfen - also versuchen, Täter zu ertappen, die Illegales im Netz anbieten.

Die Annahme, in der riesigen Masse der Tauschbörsianer anonym bleiben zu können, hat allerdings schon manchen getäuscht. Jeder, der Dateien anbietet, hinterlässt eine breite Datenspur. So erhielten manche T-Online-Kunden, die urheberrechtlich geschütztes Material geladen hatten, schon "blaue Briefe". Softwarefirmen wie Microsoft durchstöbern die bekannten Tauschbörsen nach Raubkopien ihrer Programme. Sie können anhand der so genannten IP-Nummer zwar nicht den Nutzer feststellen, aber seinen Internet-Provider. Daraufhin fordern sie T-Online auf, Ermahnungen an die betroffenen Kunden zu verschicken.

Rechtliche Folgen müssen die Ertappten vorerst nicht fürchten. Denn T-Online darf die Kundendaten nicht an Microsoft und Co. weitergeben.

 
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