T V - R E D A K T I O N S L E I T E R Ich gebe immer zwanzig Prozent
Eigentlich ist Manuel Andrack Redaktionsleiter der »Harald Schmidt Show«. Als Stichwortgeber des Meisters hat er sich inzwischen auch vor der Kamera unentbehrlich gemacht. Jetzt ist er für den Grimme-Preis nominiert
Echt? Komisch, das hat mir schon mal einer gesagt, dass ich im Gespräch härter rüberkomme als im Fernsehen. Aber ich bin ja auch nun mal der Redaktionsleiter, da kommen beizeiten auch schon meine finsteren Seiten zum Vorschein.
Sie verstellen sich im Fernsehen?
Da müsste ich jetzt einen soziologischen Vortrag halten.
Bitte.
Also. Wenn Sie aus dem Urlaub kommen, und Sie wollen erzählen, wie es war, dann wird immer eine andere Geschichte mit anderen Nuancen dabei herauskommen. Ihren Freunden erzählen Sie: Mann, da war eine Alte, die hab ich aber so was von klar gemacht. Ihren Eltern erzählen Sie von einer Dame, die Sie kennen gelernt haben, aber die Sehenswürdigkeiten, die waren natürlich interessanter. Den Kollegen wird dann so eine Mischung erzählt. Es kommt eben auf die Situation an, in der man sich gerade befindet. Sie sollten mich mal erleben, wenn ich bei meinem Chef sitze.
Unser Thema ist: Wie spielt man mit Würde die zweite Geige?
Dabei fühle ich mich gar nicht wie die. Wahrscheinlich fühlt man sich nur dann als zweite Geige, wenn man mit aller Kraft versucht, die erste zu spielen. Das mache ich nicht, das wäre ja auch komplett idiotisch neben Schmidt.
Trotzdem verstärkte sich in den letzten Wochen der Eindruck, dass es längst Ihre Sendung geworden ist - die Manuel-Andrack-Show.
Ach was. Schmidt sagte auch neulich zu mir: »Du machst jetzt das heavy acting, ich muss nur noch die Spitzen setzen.« Das ist natürlich Quatsch. Klar, ich führe Schmidt durch die Sendung, er weiß ja meistens nicht, wann was kommt. Aber das habe ich schon immer gemacht - mein Arbeitsplatz war vorher bloß neben dem Regisseur, und Schmidt hat über die Pappen angezeigt gekriegt, was er machen soll. Jetzt sage ich es ihm, während ich neben ihm sitze.
Sie haben vor einem Jahr gesagt: Ich werde nie Autogrammkarten haben. Herr Andrack, haben Sie inzwischen Autogrammkarten?
Kommen jetzt.
Aha!
Was soll ich denn machen? Es kommen halt unglaublich viele Autogrammwünsche, und langsam finde ich dieses ganze Ich-bin-kein-Star-Gedöns auch albern. Ich hatte vor einem Jahr schlicht Angst, ich weiß ja, wie so etwas läuft: Wenn man Autogrammkarten bestellt, ist die Mindestauflage 1000 Stück. Und ich weiß, wie viele Kisten mit diesen Karten in den Kellern von Sat.1 verschimmeln. Ich wollte nicht, dass mir das passiert. Aber natürlich stehe ich in der Öffentlichkeit, und es gibt Leute, die mich vor dem Studio oder in der Straßenbahn um ein Autogramm bitten. Da kann ich schlecht sagen: »Von mir? Seid ihr bescheuert?«
Wollte Schmidt, dass Sie neben ihm sitzen?
Ja. Der Chef kam, den Tränen nahe, im Januar 2000 aus seinem Hollandurlaub zurück. Er hatte jeden Abend Letterman gesehen und war wirklich sauer, dass er der einzige Late-Night-Moderator der Welt ist, der sich alleine abkämpfen muss. Wir sind dann das ganze Team durchgegangen: Aufnahmeleiterin - will nicht vor die Kamera; Peter Rütten - kann besser andere Rollen spielen. Und dann sind wir bei mir hängen geblieben. Und der Chef ist endlich megaglücklich ... mein Gott, ich red ja schon wie Dieter Bohlen ..., nein, er ist sehr glücklich, dass das geklappt hat. Er ist ja ein fauler Mensch, und ich mache ihm das Leben leichter.
Harald Schmidt hat vor ein paar Wochen vorgerechnet, wie Bundeskanzler Schröder sein neues Haus in Hannover finanzieren kann - wessen Idee war das?
Meine. Aber nur, weil ich wusste, dass das eines von Haralds Lieblingsthemen ist. Er sagt zu jedem, der sich ein Haus kaufen will, ungefragt: »Mach das nicht! Wohn zu Miete! Alles Scheiße! Du machst dich 30 Jahre unglücklich.« Ich habe ihn gefragt: »Was brauchst du?«, und er sagte: »Paar Zahlen.« Die habe ich ihm gegeben, und dann hat er damit die Show geschmissen.
Als Fußballfan: Beschreiben Sie mal Ihre Arbeitsaufteilung, wenn die »Harald Schmidt Show« ein Verein wäre.
Ich bin der Hitzfeld, und Harald ist der Franz. Er kann den Trainer rausschmeißen, er kann sich eine neue Mannschaft kaufen. Aber er ganz alleine ist und bleibt der FC Bayern.
Es gibt Momente zwischen Ihnen und Schmidt, da denkt man: Da sitzen zwei Jungs, die kennen sich ewig und unterhalten sich über so Jungszeugs.
Das machen wir aber eh den ganzen Tag, mittags zusammensitzen und lästern. Über andere Sendungen, über Kollegen, über die Welt. Manchmal müssen wir uns dann auch stoppen und sagen: Schluss jetzt! Das machen wir lieber heute Abend.
Man hat den Eindruck: Der Andrack und der Schmidt, die wissen alles. Wer im Fernsehen kokst, wer mit wem warum nicht geschlafen hat.
Sie glauben gar nicht, was wir wirklich alles wissen.
Wenn Sie es mir sagen, glaube ich es vielleicht.
Um Himmels willen, da werde ich ja verklagt. Vielleicht nur so viel: Manchmal sitzt ein Prominenter bei uns, der ist zu bis unters Dach ...
Sind Sie mit Schmidt befreundet?
Nein. Wir verstehen uns super. Aber außerhalb dieser Show findet nichts Privates statt. Ich meine, das ist mein Chef, das muss man ja auch mal so sehen. Das ist der Mann, der mich jeden Monat reich und reicher macht.
Und der Sie, gegebenenfalls, auch mal zur Sau macht.
Klar. Wenn es zum Beispiel um Musik geht, das Feld, wo wir am weitesten auseinander liegen. Ich habe schon mal musikalische Gäste eingeladen, da hat er zu viel gekriegt: Offspring, Bloodhound Gang, solche Sachen. Als er dann mitbekommen hat, dass ich Aimee Man abgesagt habe, ist er schon sauer geworden. Schmidt hat ja nun wirklich von Popmusik überhaupt keine Ahnung.
Nun sind Sie für den Grimmepreis, Sektion »Spezial«, nominiert. Was können Sie besser als Harald Schmidt?
Ich habe definitiv viel mehr Ahnung vom Fußball als er. Ich bin sportlicher. Wahrscheinlich kann ich auch besser Monopoly spielen. Mitarbeiterführung, Organisatorisches - das kann ich alles besser.
Manchmal sauer, dass Sie den Leuten nicht beweisen können, wie gut Sie tatsächlich sind?
Och, das kann ich doch zeigen, viel mehr als andere. Nö. Ich habe ja nicht das Gefühl, Hans Arsch zu sein. Wenn ich das Gefühl hätte, würde ich Harald bitten, mal eine Nummer zu machen, wo ich alle Hauptstädte dieser Welt aufzählen kann.
Wie viel Prozent des Erfolges schreiben Sie sich selbst zu?
Da wollen Sie ja jetzt nur wieder eine Überschrift draus machen. Muss ich darauf antworten?
Na ja, wenn nicht, könnte Ihnen das als mangelndes Reflexionsvermögen ausgelegt werden.
Aha! Also gut. 15 Prozent? Nein, 20 Prozent. So was. Ja, 20 Prozent. 80 Prozent ist der Chef.
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