Ich habe einen Freund, der ist so groß wie ein Baum!" Die junge Frau im roten Sweatshirt verweilt bei jedem Wort und lässt es klingen. Mit den Händen malt sie die Konturen eines Baums in die Luft. Stimmtraining an einem Dienstagnachmittag im Hamburger SprechForum Sanne. Die fünf Frauen, die hier an ihrer Stimme feilen, haben weder Sprachfehler, noch wollen sie professionelle Sprecher werden. Sie sind hier, weil sie den Verdacht haben, dass ihre Stimme ein falsches Bild von ihnen transportiert

dass es möglich wäre, anders, besser auf Mitmenschen zu wirken.

"Es kommen immer häufiger Kunden, die mehr aus ihrer Stimme machen wollen - gerade um im Beruf weiterzukommen", sagt die Sprecherzieherin und Schauspielerin Ingrid Sanne. Andere haben das Gefühl, dass ihre Stimme sie bei der Karriere behindert. Auch Unternehmen schicken zunehmend Mitarbeiter ins Sprechtraining. Die Stimme als Erfolgsinstrument? "Unsere Stimme hat einen enormen Einfluss auf die Art und Weise, wie andere uns einschätzen", sagt der Stimmforscher und Sprachwissenschaftler Hartwig Eckert von der Universität Flensburg. "Das hat natürlich auch Folgen dafür, wie ernst wir und unsere Vorschläge genommen werden."

Tiefe, sonore Männerstimmen lassen ihre Besitzer ausgeglichen, selbstbewusst und kompetent erscheinen. Pech haben dagegen Frauen mit hohen, dünnen Stimmen. "Oft ohne es zu merken, wirken sie auf viele unsicher, unterlegen oder inkompetent", sagt Eckert, "und wundern sich dann, wenn sie zum Kaffeeholen geschickt werden." Die Ursache für so viel Ungerechtigkeit vermuten Wissenschaftler in archaischen Reflexen: So hat beispielsweise in Schimpansengruppen das Leittier meist die tiefste Stimme. Hinzu kommt: Wenn zwei Rivalen Drohgesten austauschen, kreischt der Unterlegene in hohen Tönen.

Je weiter er sich vom überlegenen Rivalen entfernt, umso sicherer wird er wieder - und umso tiefer, kraftvoller und damit drohender wird seine Stimme.

"Nach wie vor spielen solche Muster in unserem Unterbewusstsein eine große Rolle", sagt Klaus Scherer, Professor für Psychologie und Stimmforscher an der Universität Genf.

Nicht jeder nimmt es stillschweigend hin, wenn er aufgrund solcher Vorurteile wenig Anklang findet. Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher senkte ihre Stimme mit professioneller Hilfe dauerhaft um mehr als eine halbe Oktave. Zur Nachahmung für jedermann keineswegs zu empfehlen, sagen Sprechtrainer. Stattdessen raten sie dazu, die eigene so genannte Indifferenzlage aufzuspüren. Das ist der "Heimathafen der Stimme", die Tonhöhe, in der wir mühelos lang anhaltend sprechen können. Die Stimmlippen im Kehlkopf (häufig fälschlich als Stimmbänder bezeichnet) sind entspannt und schwingen regelmäßig. Gerade Frauen liegen stimmlich oft über ihrer Indifferenzlage - und strengen sich dabei auch noch unnötig an. Wer deswegen seufzen muss, ist schon auf dem richtigen Weg, sagt die Wiener Sprechtrainerin Ingrid Amon. Ihr Tipp: mehrfach entspannt und erleichtert Seufzer auf "mmm" ausstoßen. Zu dem Ton, der dabei entsteht, solle man immer wieder zurückkehren.